„Wir sollten nur so weit gehen, wie unser gesichertes Wissen reicht“

Ein Interview von Judith Duesberg des GeN – dem Gen-ethischen Netzwerk – mit Peter Wohlleben.

Eine ganzheitliche Perspektive auf das Vorhaben, Gentech-Bakterien freizusetzen

Die EU-Kom­mis­si­on will die Frei­set­zung von gen­tech­nisch ver­än­der­ten Mikro­ben deut­lich ver­ein­fa­chen und dafür wich­ti­ge Vor­sor­ge­maß­nah­men fal­len las­sen. Im Inter­view mit Peter Wohl­le­ben spre­chen wir über die enor­me Bedeu­tung von Bak­te­ri­en für Mensch und Natur sowie über den Umgang mit Nicht­wis­sen.

Judith Dües­berg: Herr Wohl­le­ben, in Ihrem neu­en Buch betrach­ten Sie Bak­te­ri­en als heim­li­che Hel­den.1 Unter­schät­zen wir ihre Bedeu­tung für Mensch und Natur?

Peter Wohl­le­ben: Ja, in der Regel unter­schät­zen wir die Bedeu­tung von Bak­te­ri­en. Sie mischen prak­tisch über­all mit. Eine neue Stu­die weist zum Bei­spiel dar­auf hin, dass sich Bak­te­ri­en mög­li­cher­wei­se sogar in unse­ren Fort­pflan­zungs­pro­zess ein­mi­schen.2 Obwohl Bak­te­ri­en gar nicht unbe­dingt im Eilei­ter oder in der Pla­zen­ta sit­zen, schei­nen sie in der frü­hen Schwan­ger­schaft Immun­re­ak­tio­nen aus­zu­lö­sen, wel­che die Ein­nis­tung eines Embry­os und die Ent­wick­lung der Pla­zen­ta beein­flus­sen. Das pas­siert offen­bar durch den Aus­stoß von win­zi­gen Bläs­chen, die so klein sind, dass sie Gewe­be durch­drin­gen kön­nen und dann che­mi­sche Infor­ma­tio­nen in die Fort­pflan­zungs­or­ga­ne ein­schleu­sen. Das ist ein Bei­spiel dafür, dass Bak­te­ri­en im Prin­zip an fast jeder Lebens­form betei­ligt sind. Dabei beein­flus­sen sie nicht nur die Tie­re und Pflan­zen, in denen sie sit­zen und die sie – zumin­dest in Tei­len – auch steu­ern. Sie wir­ken auch auf die Boden­bil­dung, das Kli­ma und ähn­lich umgrei­fen­de Pro­zes­se. Die Rol­le von Bak­te­ri­en lässt sich also wirk­lich nicht hoch genug ein­schät­zen.

Ja, das machen Sie sehr deut­lich. Haben Sie auch Bei­spie­le, wo der Mensch Bak­te­ri­en für eige­ne Zwe­cke ein­setzt?

Wir nut­zen Bak­te­ri­en im täg­li­chen Leben, zum Bei­spiel in der Pro­duk­ti­on von Lebens­mit­teln wie Joghurt. Da wer­den Bak­te­ri­en gezielt ein­ge­setzt, um den Milch­zu­cker in Milch­säu­re umzu­wan­deln, wodurch die Kon­sis­tenz der Milch fes­ter wird. Mitt­ler­wei­le wer­den auch gen­tech­nisch ver­än­der­te (gv) Bak­te­ri­en­ge­mein­schaf­ten ein­ge­setzt, etwa zur Her­stel­lung von medi­zi­ni­schen Pro­duk­ten wie Insu­lin. Im Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Cha­ri­té wird dar­an geforscht, Bak­te­ri­en sogar als Des­in­fek­ti­ons­mit­tel zu nut­zen.3 Dort wer­den Putz­mit­tel mit guten Bak­te­ri­en ange­rei­chert, in der Absicht, dass sie krank­ma­chen­de Bak­te­ri­en ver­drän­gen. Tat­säch­lich kommt man zu ähn­li­chen Ergeb­nis­sen wie mit che­mi­schen Rei­ni­gern. Die Idee, Bak­te­ri­en für mensch­li­che Zwe­cke ein­zu­span­nen, gibt es also schon seit lan­ger Zeit.

In Ihrem Buch wid­men Sie der Gen­tech­nik ein eige­nes Kapi­tel und erläu­tern, wie sich Men­schen bak­te­ri­el­le Sys­te­me zunut­ze machen, um gene­ti­sche Infor­ma­tio­nen in Orga­nis­men zu mani­pu­lie­ren. Nun läuft auf Ebe­ne der EU gera­de ein Pro­zess mit dem Ziel, die Sicher­heits­stan­dards und Vor­sor­ge­vor­keh­run­gen für die Frei­set­zung von gv-Mikro­ben in die Natur stark zu redu­zie­ren. Was hal­ten Sie davon?

Davon hal­te ich gar nichts. Ganz grund­sätz­lich könn­te man sagen, dass die mole­ku­lar­bio­lo­gi­schen Werk­zeu­ge, die heu­te gezielt von Men­schen ein­ge­setzt wer­den, um Erb­gut zu ver­än­dern, eine Erfin­dung von Bak­te­ri­en sind. Die meis­ten Bak­te­ri­en besit­zen näm­lich die Fähig­keit, frem­de gene­ti­sche Infor­ma­ti­on auf­zu­neh­men und wei­ter­zu­ge­ben. Seit Mil­lio­nen von Jah­ren schnit­zeln Bak­te­ri­en im Erb­gut rum und eig­nen sich frem­des Gen­ma­te­ri­al an. Wie ris­kant die­se Sam­mel­lei­den­schaft von Bak­te­ri­en sein kann, sieht man etwa bei Gül­le. Dar­in sind wild­le­ben­de Bak­te­ri­en mit Anti­bio­ti­ka­re­sis­ten­zen nach­weis­bar, obwohl sie nie in Kon­takt mit die­sen Anti­bio­ti­ka waren. Die Bak­te­ri­en haben sich die Gene ande­rer Bak­te­ri­en in das eige­ne Genom ein­ge­baut und dadurch Resis­ten­zen ent­wi­ckelt. Unter­su­chun­gen in Kana­da zei­gen, dass sich auch Wild­pflan­zen­po­pu­la­tio­nen Gene von gv-Pflan­zen aneig­nen. Wir sehen also, dass da drau­ßen ein wil­der Aus­tausch von Genen und DNA-Ein­zel­tei­len statt­fin­det – und zwar in einem Umfang, den wir uns wahr­schein­lich gar nicht vor­stel­len kön­nen. Denn grob geschätzt wur­den 99,9 Pro­zent aller Bak­te­ri­en­ar­ten noch gar nicht ent­deckt. Auf die­ser extrem dün­nen Grund­la­ge anzu­fan­gen, gene­ti­sche Infor­ma­tio­nen zu mani­pu­lie­ren und frei­zu­set­zen, hal­te ich für völ­lig fahr­läs­sig.

Sie beschrei­ben Bak­te­ri­en als hoch­gra­dig ver­netz­te Akteu­re im Öko­sys­tem. Sie sind zum Bei­spiel Teil des Mikro­bi­oms von Pflan­zen, Tie­ren und Men­schen und haben damit einen direk­ten Ein­fluss auf ihre Gesund­heit und ihr Wohl­erge­hen. Wie bewer­ten Sie das Vor­ha­ben der EU, die Sicher­heit eines gv-Bak­te­ri­ums auf­grund all­ge­mei­ner Kri­te­ri­en von einer indi­vi­du­el­len Umwelt­ri­si­ko­prü­fung aus­zu­neh­men?

Um Sicher­heits­fol­gen für uns Men­schen und die Natur abzu­schät­zen zu kön­nen, ist es abso­lut not­wen­dig, sich die Inter­ak­tio­nen anzu­schau­en. Man kann es gar nicht oft genug beto­nen: Solan­ge wir den aller­größ­ten Teil der Bak­te­ri­en nicht ken­nen, haben wir auch kei­ne Ahnung von ihren mög­li­chen Wech­sel­wir­kun­gen. Ein Bei­spiel aus dem hei­mi­schen Boden: In einer Hand­voll Buchen­wal­der­de, also in etwa 30 Gramm, wur­den bis zu einer Mil­li­on Bak­te­ri­en­ar­ten geschätzt. Dabei sind welt­weit nur 20.000 Bak­te­ri­en­ar­ten beschrie­ben. Die­se Zah­len zei­gen: Wir haben über­haupt kei­nen Über­blick. Was wir wis­sen, ist, dass wir es mit einer der größ­ten Grup­pen von Lebens­for­men zu tun haben, die ganz beson­ders aktiv dar­in ist, gene­ti­sche Infor­ma­ti­on aus­zu­tau­schen. Alle gv-Lebe­we­sen wer­den ja irgend­wann zu orga­ni­schen Abfäl­len. Gleich­zei­tig lau­ert auf jedem Qua­drat­mil­li­me­ter Erde ein gan­zes Heer von Ein­zellern, die sich die Gen­se­quen­zen ein­bau­en könn­ten. Ich hal­te die Frei­set­zung von gv-Bak­te­ri­en für min­des­tens so ris­kant wie eine KI, die völ­lig aus dem Ruder läuft.  Auch da ist ja der Gedan­ke, dass man die Tech­nik ein­he­gen kann, obwohl man gar nicht mehr ver­steht, wie auto­nom die KI mitt­ler­wei­le agiert und wel­che Wege sie dabei ein­schlägt. Bei gv-Bak­te­ri­en hal­te ich das Risi­ko der Unvor­her­seh­bar­keit und des Kon­troll­ver­lus­tes für min­des­tens genau­so hoch.

Jetzt kommt noch hin­zu, dass über KI neue Eigen­schaf­ten und Gen­se­quen­zen ent­wi­ckelt wer­den. Das erhöht die Schwie­rig­keit, Risi­ken abzu­schät­zen und zu kon­trol­lie­ren, ja noch­mal immens.

Genau. Ich fin­de das höchst ris­kant! Mei­ne klei­ne Hoff­nung ist – aber das ist eben eine Hoff­nung und kei­ne wis­sen­schaft­li­che Evi­denz –, dass Bak­te­ri­en­öko­sys­te­me resi­li­ent sind gegen­über Ein­dring­lin­gen. Man weiß, dass Bak­te­ri­en über Ver­tei­di­gungs­me­cha­nis­men ver­fü­gen. Sie kön­nen frem­de Bak­te­ri­en bekämp­fen und ihr eige­nes Öko­sys­tem ver­tei­di­gen. Und gv-Bak­te­ri­en sind für ande­re Bak­te­ri­en ja zuerst ein­mal fremd. Mög­li­cher­wei­se spielt es kei­ne so gro­ße Rol­le, ob der Mensch da nun auch noch ein­greift. Aber wir wis­sen wie gesagt ein­fach noch viel zu wenig.

Der Punkt ist nur: Wir ver­än­dern ja nicht nur Bak­te­ri­en, son­dern auch die Umwelt der Tie­re und Pflan­zen, die mit ihnen inter­agie­ren. Die müs­sen mit die­sen Bak­te­ri­en und ihren ver­än­der­ten Eigen­schaf­ten zurecht­kom­men. Wir ken­nen das von Wild­pflan­zen, die Sequen­zen und Eigen­schaf­ten von gen­tech­nisch ver­än­der­ten Pflan­zen auf­ge­nom­men haben. Dar­an sehen wir, dass nicht nur Gene ver­än­dert wer­den, son­dern über die Zeit auch ande­re Orga­nis­men. Die Fol­gen kön­nen wir über­haupt nicht abschät­zen, denn dazu gibt es die neue Gen­tech­nik und auch gen­tech­nisch ver­än­der­te Bak­te­ri­en in grö­ße­rem Maß­stab ein­fach noch nicht lan­ge genug.

In der Tat! Womit es Erfah­run­gen gibt, ist der Anbau von gv-Pflan­zen. Das lässt sich aber nicht auf gv-Bak­te­ri­en über­tra­gen, weil die­se zwei Grup­pen auf vie­len Ebe­nen zu unter­schied­lich sind. Den­noch sol­len Bak­te­ri­en ver­än­dert und in die Natur ent­las­sen wer­den. Was hal­ten Sie von der Idee, Bak­te­ri­en wegen ihrer beson­de­ren Bedeu­tung unter Schutz zu stel­len? 

Ja, das wür­de Sinn machen. Eine wich­ti­ge Fra­ge ist: Wer ver­än­dert wel­che Bak­te­ri­en zu wel­chem Zweck? Wenn es sich um Bak­te­ri­en han­delt, die über kurz oder lang in Kon­takt mit uns Men­schen kom­men, ist die Gefahr rela­tiv groß, dass sie Ein­fluss auf unser Mikro­bi­om haben. Es sei denn, die­se Bak­te­ri­en wer­den nur in geschlos­se­nen Labo­ra­to­ri­en ein­ge­setzt, um zum Bei­spiel syn­the­ti­sche Medi­ka­men­te zu pro­du­zie­ren. Das ist aber ja nicht der Zweck des EU-Vor­ha­bens, das der ver­ein­fach­ten Frei­set­zung die­nen soll. Ich kann dazu nur sagen: Das ist eine Black­box. Dazu kön­nen wir uns ver­deut­li­chen, wel­che wich­ti­gen Erkennt­nis­se im Zusam­men­hang mit Bak­te­ri­en noch neu sind. Ein Bei­spiel ist, wel­chen gro­ßen Ein­fluss, Bak­te­ri­en auf die Psy­che von Säu­ge­tie­ren haben. Damit beschäf­tigt sich die For­schung erst seit den 2000ern.4
Oder ein ande­res Bei­spiel aus der Umwelt: Bak­te­ri­en spie­len bei der Wol­ken­bil­dung und vor allem bei der Erzeu­gung von Regen­trop­fen offen­bar eine viel grö­ße­re Rol­le, als man frü­her gedacht hat.5 Die­se Bak­te­ri­en befin­den sich in gro­ßer Zahl auf den Blät­tern von Pflan­zen. Nun neh­men wir mal an, die­se spe­zi­el­len Bak­te­ri­en wür­den durch gen­tech­nisch ver­än­der­te Bak­te­ri­en gestört und dadurch ihre Fähig­keit ver­lie­ren, spe­zi­el­le Eiweiß­mo­le­kü­le zu pro­du­zie­ren, mit denen sie Regen­trop­fen erzeu­gen. In der Kon­se­quenz wür­de es erheb­lich weni­ger reg­nen, was die Ernäh­rungs­si­cher­heit und die Grund­was­ser­bil­dung extrem gefähr­den wür­de. Und das ist nicht rück­gän­gig zu machen. Heu­te ken­nen wir die Rol­le von Bak­te­ri­en bei der Wol­ken­bil­dung, das war nicht immer so. Uns muss klar sein, dass es noch sehr viel mehr gibt, was wir heu­te nicht ver­ste­hen. Und selbst wenn das Risi­ko gering wäre, soll­ten wir das mei­ner Mei­nung nach nicht ein­ge­hen.

Sie beto­nen häu­fig, wie wenig wir eigent­lich wis­sen. Gehen wir mit unse­rem Nicht­wis­sen als Gesell­schaft Ihrer Ansicht nach adäquat um?

Nein. Wir gehen ja schon mit Wis­sen nicht adäquat um, was wir dar­an sehen, dass immer weni­ger Men­schen zwi­schen Fak­ten und Wis­sen unter­schei­den kön­nen. Nicht­wis­sen zu beur­tei­len, wäre ja die nächs­te Stu­fe. Wenn klar ist, was wir nicht wis­sen, dann muss dar­auf­hin auch ein Han­deln fol­gen. Nicht­wis­sen bedeu­tet im Grun­de: Ab hier muss man mit Vor­sicht agie­ren und ein mög­li­ches Risi­ko ein­prei­sen. Wir soll­ten nur so weit gehen, wie unser gesi­cher­tes Wis­sen reicht – und über­all dort, wo wir die­ses Ter­ri­to­ri­um ver­las­sen, da muss eigent­lich ein Stopp­schild ste­hen.


Vie­len Dank für das Gespräch!

Lesen Sie das Ori­gi­nal Inter­view beim GeN!

Foto: Tobi­as Wohl­le­ben

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen:

Offe­ner Brief: Stan­dards zur Frei­set­zung von Gen­tech­nik-Mikro­ben erhal­ten 

GID-Arti­kel „Auf­bruch, um Erkämpf­tes zu ver­tei­di­gen“ mit Bezug zum poli­ti­schen Pro­zess im GID 278

  • 1Wohl­le­ben, P. (2026): Bak­te­ri­en – die heim­li­chen Hel­den. Malik Ver­lag.
  • 2Uni­ver­si­täts­me­di­zin Greifs­wald (09.09.2026): Win­zi­ge Bak­te­ri­en­bläs­chen und ihr Ein­fluss auf die Frucht­bar­keit. Online: www.kurzlinks.de/gid279_dj
  • 3Blech, J. (29.04.2022): Bak­te­ri­en als Des­in­fek­ti­ons­mit­tel im Kran­ken­haus. Online: www.kurzlinks.de/gid279_dk
  • 4Sudo, N. et al. (2004): Post­na­tal micro­bi­al colo­niza­ti­on pro­grams the hypo­tha­la­mic-pitui­ta­ry-adre­nal sys­tem for stress respon­se in mice. In: The Jour­nal of Phy­sio­lo­gy, 558(1), p.263–275, www.doi.org/10.1113/jphysiol.2004.063388
  • 5Gao, K. et al. (2025): On the dri­vers of ice nuclea­ting par­tic­le diur­nal varia­bi­li­ty in Eas­tern Medi­ter­ra­ne­an clouds. In: npj Cli­ma­te and Atmo­sphe­ric Sci­ence, 8(160), www.doi.org/10.1038/s41612-024–00817‑9

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