EU-Minister billigen Deregulierung Neuer Gentechnik

Am 21. April hat der Rat der EU-Mit­glieds­staa­ten das Ergeb­nis der Tri­log-Ver­hand­lun­gen zum geplan­ten Gesetz über gen­tech­nisch ver­än­der­te Pflan­zen aus neu­er Gen­tech­nik (NGT) for­mell ange­nom­men.

Die Ent­schei­dung fiel als soge­nann­ter A‑Punkt – also ohne Aus­spra­che. Damit bestä­tigt der Rat die  infor­mel­le Eini­gung vom Dezem­ber: Kroa­ti­en, Ungarn, Öster­reich, Rumä­ni­en, Slo­we­ni­en und die Slo­wa­kei stimm­ten dage­gen, wäh­rend Bel­gi­en, Bul­ga­ri­en und Deutsch­land sich ent­hiel­ten.

Län­der­ab­stim­mun­gen

Mit der for­mel­len Zustim­mung des Rates rich­tet sich die poli­ti­sche Auf­merk­sam­keit nun auf das Euro­päi­sche Par­la­ment, das vor­aus­sicht­lich in einer Ple­nar­ab­stim­mung am 19. Mai über das Gesetz ent­schei­den wird. 

Breiter Widerstand und klare Gründe, die Einigung nicht zu unterstützen 

Meh­re­re Regie­run­gen mach­ten deut­lich, dass ihr Nein weit über ein sym­bo­li­sches Signal hin­aus­geht. Kroa­ti­en, Ungarn, Öster­reich, Slo­we­ni­en und die Slo­wa­kei leg­ten schrift­li­che Erklä­run­gen vor, in denen sie ihre Ableh­nung begrün­den.

Ein zen­tra­ler Kri­tik­punkt aller fünf Regie­run­gen ist das Feh­len einer Kenn­zeich­nung für Pro­duk­te aus Pflan­zen der soge­nann­ten „NGT-Kate­go­rie 1“. Für die Slo­wa­kei ist das der ent­schei­den­de Ein­wand: Das Gesetz schrän­ke das „Recht der Ver­brau­che­rin­nen und Ver­brau­cher auf eine infor­mier­te Ent­schei­dung“ ein.

Dar­über hin­aus argu­men­tie­ren Kroa­ti­en, Ungarn, Öster­reich und Slo­we­ni­en, dass der Vor­schlag dem euro­päi­schen Vor­sor­ge­prin­zip nicht gerecht wird. Öster­reich, Ungarn und Slo­we­ni­en kri­ti­sie­ren ins­be­son­de­re den Weg­fall ver­pflich­ten­der Risi­ko­prü­fun­gen. Öster­reich erklärt außer­dem, dass die Kri­te­ri­en zur Gleich­stel­lung vie­ler NGT-Pflan­zen mit kon­ven­tio­nel­len Pflan­zen „kei­ne wis­sen­schaft­li­che Grund­la­ge“ hät­ten.

Auch prak­ti­sche Fra­gen blei­ben offen: Öster­reich stell­te infra­ge, wie das Gen­tech­nik-Ver­bot im Öko­land­bau umge­setzt wer­den sol­le, „ohne erheb­li­che zusätz­li­che Kos­ten für den Agrar­sek­tor zu ver­ur­sa­chen“. Kroa­ti­en warn­te, es gebe „kei­ne Maß­nah­men zur Ver­hin­de­rung mög­li­cher Umwelt­kon­ta­mi­na­tio­nen durch NGT-Pflan­zen und kei­ne Ent­schä­di­gungs­me­cha­nis­men im Scha­dens­fall, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf den öko­lo­gi­schen Land­bau“. 

Meh­re­re Regie­run­gen­kri­ti­sie­ren außer­dem, dass die Mit­glied­staa­ten künf­tig die Mög­lich­keit ver­lie­ren wür­den, den Anbau die­ser Gen­tech­nik-Pflan­zen auf ihrem Hoheits­ge­biet ein­zu­schrän­ken oder zu ver­bie­ten. 

Ungarn erklär­te, der Vor­schlag gewähr­leis­te nicht die „Ein­hal­tung der inter­na­tio­na­len Ver­trags­ver­pflich­tun­gen Ungarns“ – dies ver­mut­lich im Hin­blick auf das Car­ta­ge­na-Pro­to­koll über die bio­lo­gi­sche Sicher­heit der UN-Kon­ven­ti­on über die bio­lo­gi­sche Viel­falt (CBD). Ungarn hat­te die­sen Punkt bereits wäh­rend sei­ner EU-Rats­prä­si­dent­schaft ange­spro­chen. Öster­reich erklär­te aus­drück­lich, das Feh­len einer Risi­ko­prü­fung ste­he „im Wider­spruch“ zum Car­ta­ge­na-Pro­to­koll. 

Patentfrage bleibt ungelöst 

Ein wei­te­rer zen­tra­ler Streit­punkt ist die Paten­tie­rung gen­tech­nisch ver­än­der­ter Pflan­zen und ihrer Eigen­schaf­ten. 

In einer beglei­ten­den Erklä­rung ver­weist die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on im Wesent­li­chen auf bereits im Tri­log­text ent­hal­te­ne Maß­nah­men: etwa die Beob­ach­tung mög­li­cher Aus­wir­kun­gen auf klei­ne­re Züch­tungs­un­ter­neh­men, die För­de­rung frei­wil­li­ger Lizen­zie­rungs­platt­for­men, die Bera­tung klei­ner Züchter:innen, sowie einen geplan­ten „Ver­hal­tens­ko­dex“ für Patentinhaber:innen.

Aus Sicht Öster­reichs greift das zu kurz. Die Regie­rung sieht weder die grund­le­gen­den Beden­ken aus­ge­räumt noch aus­rei­chen­de Rechts­si­cher­heit geschaf­fen und warnt davor, dass Paten­te klei­ne­re und mitt­le­re Züch­tungs­un­ter­neh­men aus dem Markt drän­gen könn­ten.

Zunehmender Widerstand in Deutschland

Auch in Deutsch­land neh­men Kri­tik und Sor­ge zu, ins­be­son­de­re mit Blick auf Saat­gut­pa­ten­te. Nor­bert Lins, einer der füh­ren­den agrar­po­li­ti­schen Stim­men der CDU/CSU im EU-Par­la­ment, for­der­te gemein­sam mit zehn wei­te­ren Abge­ord­ne­ten die Kom­mis­si­on auf, die Paten­tier­bar­keit von gene­ti­schen Eigen­schaf­ten, die natür­lich vor­kom­men oder durch kon­ven­tio­nel­le Züch­tung erzielt wer­den kön­nen, klar aus­zu­schlie­ßen. 

In einem gemein­sa­men Schrei­ben heißt es, die im Tri­lo­g­er­geb­nis vor­ge­se­he­nen Patent­re­ge­lun­gen könn­ten kei­ne „kla­re poli­ti­sche und recht­li­che Lösung“ erset­zen. Die Kom­mis­si­on müs­se das EU-Patent­recht grund­le­gend über­ar­bei­ten.

Selbst der Deut­sche Bau­ern­ver­band (DBV), grund­sätz­lich ein Befür­wor­ter der neu­en Gen­tech­nik, erklär­te, mit der „mög­li­chen Ein­füh­rung von Paten­ten“ wer­de „eine kla­re rote Linie über­schrit­ten“. Ein Spre­cher warn­te, der zu erwar­ten­de Scha­den durch die Paten­tie­rung sei „deut­lich grö­ßer als der erhoff­te Nut­zen der neu­en Züch­tungs­me­tho­den für ver­bes­ser­te Pflan­zen­sor­ten“.  

Parlamentsabstimmung könnte Verhandlungen verlängern  

Das Euro­päi­sche Par­la­ment hat noch immer die Mög­lich­keit, den im Tri­log aus­ge­han­del­ten Text abzu­leh­nen oder zu ändern. Die Ple­nar­ab­stim­mung ist der­zeit für den 19. Mai vor­ge­se­hen. 

Chris­to­phe Cler­geau, Schat­ten­be­richt­erstat­ter der Sozi­al­de­mo­kra­ten, hat bereits ange­kün­digt, Ände­rungs­an­trä­ge ins­be­son­de­re zur Patent­fra­ge ein­zu­brin­gen. Soll­ten die­se eine Mehr­heit fin­den, müss­ten die Ver­hand­lun­gen zwi­schen Par­la­ment, Rat und Kom­mis­si­on erneut auf­ge­nom­men wer­den. 

Bereits im Febru­ar 2024 hat­te das Euro­päi­sche Par­la­ment für ein voll­stän­di­ges Patent­ver­bot gestimmt. Ein ent­spre­chen­der Ände­rungs­an­trag zur Ände­rung der EU-Bio­tech­no­lo­gie-Richt­li­nie wur­de damals nahe­zu ein­stim­mig unter­stützt. Den­noch wur­de die­se For­de­rung in den Tri­log-Ver­hand­lun­gen fal­len gelas­sen. 

Öffentlicher Druck wächst 

Die bevor­ste­hen­de Abstim­mung im Par­la­ment könn­te die letz­te Gele­gen­heit sein, ein geplan­tes Gesetz zu ver­bes­sern, das Landwirt:innen, Züchter:innen und Verbraucher:innen sowie der Umwelt scha­den wür­de. 

Wie wir bereits an ande­rer Stel­le dar­ge­legt haben, steht die­ses Gesetz für eine poli­ti­sche Rich­tungs­ent­schei­dung, Trans­pa­renz abzu­bau­en, Risi­ken zu ver­schlei­ern und die Kon­trol­le über unse­re Ernäh­rung in die Hän­de weni­ger Kon­zer­ne zu legen. 

Save Our Seeds ruft gemein­sam mit Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger Euro­pas dazu auf, ihre EU-Abge­ord­ne­ten anzu­schrei­ben und sie auf­zu­for­dern, das geplan­te Gesetz in sei­ner jet­zi­gen Form abzu­leh­nen. Mehr als 40.000 Men­schen haben sich bereits betei­ligt und gehan­delt. 

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Mehr Infor­ma­tio­nen zur Rats­ab­stim­mung fin­den Sie beim Infor­ma­ti­ons­dienst Gen­tech­nik 

Bild © Euro­päi­sche Uni­on. Kaja Kal­las, Hohe Ver­tre­te­rin der EU für Außen- und Sicher­heits­po­li­tik, trägt die A‑Punkte vor.

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