Breites Bündnis klagt gegen Gentechnik-Deregulierung

Acht Unter­neh­men und vier Ver­bän­de der gen­tech­nik­frei­en Land­wirt­schaft haben am 21. Sep­tem­ber 2026 frist­ge­recht Kla­ge beim Euro­päi­schen Gericht (EuG) in Luxem­burg ein­ge­reicht. Die Nich­tig­keits­kla­ge nach Art. 263 Abs. 4 AEUV rich­tet sich gegen das Euro­päi­sche Par­la­ment und den Rat der EU und greift die Ver­ord­nung (EU) 2026/1388 vom 17. Juni 2026 zu Pflan­zen aus neu­er Gen­tech­nik (NGT) an. Bei der Pres­se­kon­fe­renz in Ber­lin stell­ten die Kläger:innen und ihre Anwäl­te die Kla­ge vor.

Was am 17. Juni beschlossen wurde

Die NGT-Ver­ord­nung wur­de am 17. Juni 2026 vom Euro­päi­schen Par­la­ment bestä­tigt, nach­dem der Rat sie im April bereits gebil­ligt hat­te. Sie ist im Amts­blatt der EU vom 26. Juni 2026 ver­öf­fent­licht und soll ab dem 17. Juli 2028 gel­ten. Mit dem neu­en Gesetz wer­den EU-Gen­tech­nik­an­for­de­run­gen für eine Viel­zahl von Gen­tech­nik-Pflan­zen (Kate­go­rie NGT‑1) abge­schafft. Nach Ein­schät­zung der Kläger:innen fal­len über 90 Pro­zent der zu erwar­ten­den Pflan­zen aus neu­er Gen­tech­nik in die­se Kate­go­rie, für die künf­tig die prä­ven­ti­ve Risi­ko­prü­fung, das Zulas­sungs­ver­fah­ren, ver­pflich­ten­de Nach­weis­me­tho­den, die Rück­ver­folg­bar­keit sowie Koexis­tenz- und Opt-out-Regeln für Mit­glied­staa­ten ent­fal­len. Gekenn­zeich­net wird nur noch das Saat- und Pflanz­gut, nicht mehr das Lebens- oder Fut­ter­mit­tel, das dar­aus ent­steht.

Die Kläger:innen ver­wei­sen dar­auf, dass der Euro­päi­sche Gerichts­hof bereits 2018 geur­teilt hat­te, dass auch neue gen­tech­ni­sche Ver­fah­ren dem bestehen­den EU-Gen­tech­nik­recht unter­lie­gen (EuGH, Urteil C‑528/16). Genau die­sen Grund­satz höhlt die neue Ver­ord­nung nach Ansicht der Kläger:innen aus.

Streit um nationale Schutzregeln bleibt ungeklärt

Unab­hän­gig von der Kla­ge ist offen, was aus den natio­na­len Koexis­tenz­re­geln wird, die gen­tech­nik­freie Betrie­be bis­lang vor Ver­un­rei­ni­gung schüt­zen, etwa Min­dest­ab­stän­de, Regis­ter­pflich­ten und Haf­tungs­re­geln. Ein Rechts­gut­ach­ten von Dr. Georg Buch­holz, in Auf­trag gege­ben vom Ver­band Lebens­mit­tel ohne Gen­tech­nik (VLOG), kommt zu dem Schluss, dass die­se Regeln auch für NGT-1-Pflan­zen wei­ter gel­ten, weil die EU den Bereich nie abschlie­ßend gere­gelt hat. Das Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um sieht das anders und erklärt, es gebe kei­nen Spiel­raum mehr für natio­na­le Koexis­tenz­maß­nah­men bei NGT-1-Pflan­zen.

Wer klagt und warum

Kläger:innen sind acht Unter­neh­men und vier Ver­bän­de: Dot­ten­fel­der Bio-Saat GmbH, Bio­Saat GmbH, Bin­gen­hei­mer Saat­gut AG, Son­nen­gut Gers­ter eGbR, Bet­zin­ger OHG, Rapun­zel Natur­kost GmbH & Co. KG, Rie­ger-Hof­mann GmbH und Rie­ger Land­wirt­schafts-eGbR sowie die Arbeits­ge­mein­schaft bäu­er­li­che Land­wirt­schaft (AbL), Die Frei­en Bäcker – Zeit für Ver­ant­wor­tung e.V., NEULAND – Ver­ein für tier­ge­rech­te und umwelt­scho­nen­de Nutz­tier­hal­tung e.V. und der Ver­band deut­scher Wild­sa­men- und Wild­pflan­zen­pro­du­zen­ten (VWW). Die voll­stän­di­ge Lis­te mit Kon­takt­da­ten steht im Pres­se-Dos­sier zur Kla­ge.

Recht­lich ver­tre­ten wird das Bünd­nis von Prof. Dr. Gerd Win­ter, Euro­pa- und Umwelt­rechts­exper­te an der Uni­ver­si­tät Bre­men, Rechts­an­wäl­tin Kat­rin Brock­mann aus Ber­lin (Gen­tech­nik­rechts-Exper­tin) und Rechts­an­walt Jens Beis­mann aus Han­no­ver (EU-Sor­ten­schutz­rechts-Exper­te).

Die Kla­ge­schrift stützt sich laut der Zusam­men­fas­sung der Kla­ge­grün­de unter ande­rem auf die­se Ver­stö­ße gegen EU-Pri­mär­recht und inter­na­tio­na­les Recht:

  • die Unter­neh­mens­frei­heit
  • die Eigen­tums­ga­ran­tie
  • das Gleich­be­hand­lungs­ge­bot
  • die Gebo­te der Vor­beu­gung, der Vor­sor­ge, des hohen Umwelt­schutz­ni­veaus und des Ver­ur­sa­cher­prin­zips
  • das Gebot des Ver­brau­cher­schut­zes
  • das Car­ta­ge­na-Pro­to­koll über die bio­lo­gi­sche Sicher­heit
  • Art. 6 des Aar­hus-Über­ein­kom­mens zu Infor­ma­ti­ons­zu­gang und Gerichts­zu­gang in Umwelt­fra­gen
  • das Kohä­renz­ge­bot, die Begrün­dungs­pflicht und der Wesent­lich­keits­vor­be­halt

Bean­tragt wird, die Ver­ord­nung für nich­tig zu erklä­ren, soweit sie NGT-1-Pflan­zen und ihre Erzeug­nis­se vom gel­ten­den Gen­tech­nik­recht frei­stellt.

Die Pressekonferenz in Berlin vom 21.09.26

Annemarie Volling, Koordinatorin der Direktklage und Gentechnikexpertin der AbL

Voll­ing eröff­ne­te mit dem zen­tra­len Vor­wurf: Die Ver­ord­nung neh­me Verbraucher:innen die Wahl­frei­heit. Wie sie in der offi­zi­el­len Pres­se­mit­tei­lung erklär­te, wür­den NGT-1-Pflan­zen trotz Risi­ken weder geprüft noch gekenn­zeich­net, obwohl sie ein­mal frei­ge­setzt nicht mehr zurück­hol­bar sind. Weil Trans­pa­renz, Abstands­re­ge­lun­gen und ein Stand­ort­re­gis­ter fehl­ten, sei­en Ver­un­rei­ni­gun­gen von Saat­gut, Ern­ten und Lebens­mit­teln vor­pro­gram­miert. Die wirt­schaft­li­che Exis­tenz der natur­na­hen, gen­tech­nik­frei­en Land­wirt­schaft, die bei Verbraucher:innen für Gen­tech­nik­frei­heit ein­steht, sei dadurch bedroht.

Prof. Dr. Gerd Winter, Europa- und Umweltrechtsexperte an der Universität Bremen

Prof. Win­ter leg­te den recht­li­chen Kern der Kla­ge offen: Es gebe kei­ne Kor­re­la­ti­on zwi­schen der Anzahl der Ver­än­de­run­gen im Erb­gut und den tat­säch­li­chen Effek­ten auf die Pflan­ze, ein zen­tra­les Argu­ment der Ver­ord­nung ste­he damit auf wack­li­gen Bei­nen. Betrie­ben blei­be am Ende nur Selbst­ver­tei­di­gung: Sie müss­ten ihre Fel­der so anle­gen, dass sie sich gegen Aus­kreu­zung von Nach­bar­flä­chen schüt­zen, eine Belas­tung, die den gesam­ten Wirt­schafts­zweig trifft. Er füg­te an, es bestehe ein „erheb­li­ches Risi­ko“, dass die Kla­ge bereits an einer feh­len­den Kla­ge­be­fug­nis schei­tert. Nach der soge­nann­ten Plau­mann-For­mel müs­sen Kläger:innen von einer EU-Rechts­norm indi­vi­du­ell betrof­fen sein, also durch beson­de­re Umstän­de aus dem Kreis aller ande­ren Betrof­fe­nen her­aus­ge­ho­ben wer­den. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat die­ses Kri­te­ri­um zuletzt jedoch weni­ger streng aus­ge­legt, so Prof. Win­ter. Das Bünd­nis sieht daher gute Chan­cen, dass sei­ne Kla­ge zuläs­sig ist.

Herbert Völkle, Geschäftsführer BioSaat GmbH

Völk­le orga­ni­siert mit sei­nem Unter­neh­men die Pro­duk­ti­on von Aus­gangs­saat­gut öko­lo­gisch gezüch­te­ter Sor­ten, etwa der Dot­ten­fel­der Bio-Saat, und die saat­gut­recht­li­che Aner­ken­nung, in enger Zusam­men­ar­beit mit Landwirt:innen und Erzeu­ger­ge­mein­schaf­ten. Ver­meh­rung sei extrem sen­si­bel, weil schon kleins­te Ver­un­rei­ni­gun­gen einen hohen Mul­ti­pli­ka­tor­ef­fekt hät­ten. Kom­me es zu direk­ten oder sys­te­mi­schen Ver­mi­schun­gen, las­se sich Gen­tech­nik­frei­heit nicht mehr garan­tie­ren, mit dem Risi­ko einer Ruf­schä­di­gung, die die wirt­schaft­li­che Exis­tenz von Bio­Saat gefähr­de.

Johannes Bender, Vorsitzender Bingenheimer Saatgut AG

Ben­der berich­te­te aus dem öko­lo­gi­schen Gemüse‑, Kräu­ter- und Blu­men­saat­gut­bau, wo vor allem samen­fes­tes, nach­bau­fä­hi­ges Saat­gut erzeugt wird, auf dem Feld statt im Labor. Zucht- und Ver­meh­rungs­flä­chen sei­en durch mög­li­che Ein­kreu­zung von Nach­bar­flä­chen gefähr­det, wäh­rend Kund:innen Gen­tech­nik­frei­heit ver­lang­ten. Ohne die bis­he­ri­gen Trans­pa­renz- und Koexis­tenz­maß­nah­men droh­ten umfang­rei­che, teu­re Genom­ana­ly­sen, nur um wei­ter­hin gen­tech­nik­freie Ware lie­fern zu kön­nen, eine erheb­li­che Mehr­be­las­tung für Unter­neh­men.

Barbara Endraß, Bäuerin aus Wangen, Gentechnik-Expertin und AbL-Vorsitzende Baden-Württemberg

End­raß ver­trat die Son­nen­gut Gers­ter eGbR bei der Pres­se­kon­fe­renz, deren Inha­be­rin Clau­dia Gers­ter auf­grund eines Trau­er­falls in der Fami­lie nicht selbst anwe­send sein konn­te. End­raß schil­der­te, wie eng benach­bar­te Betrie­be mit­ein­an­der ver­floch­ten sind: Gemein­sam genutz­te Maschi­nen führ­ten quer durch die Fel­der meh­re­rer Höfe, dadurch ent­stün­den lau­fend Situa­tio­nen, in denen es zu Ver­un­rei­ni­gun­gen kom­men kann. Um das zu ver­hin­dern, brau­che es Trans­pa­renz dar­über, wo was ange­baut wird. Ihre For­de­rung: „Wir brau­chen Anbau­re­geln. Und ganz wich­tig, wir brau­chen Haf­tungs­re­geln.“ Das Ver­ur­sa­cher­prin­zip dür­fe nicht aus­ge­he­belt wer­den, nur wer für die Fol­gen mit­ver­ant­wort­lich ist, habe auch ein Inter­es­se dar­an, wei­ter­hin fair mit den Nach­barn zu wirt­schaf­ten. Die schrift­li­che Stel­lung­nah­me der eigent­li­chen Betriebs­in­ha­be­rin, Clau­dia Gers­ter, liegt eben­falls vor: Der Hof bewirt­schaf­tet seit 1994 in Sach­sen-Anhalt Din­kel, Hafer, Gers­te, Wei­zen, Rog­gen, Ein­korn, Son­nen­blu­men und Son­der­kul­tu­ren in Misch­kul­tur und Agro­forst, ver­ar­bei­tet Getrei­de und Milch in eige­ner Bäcke­rei und Käse­rei und ver­mark­tet direkt über Hof­la­den und regio­na­le Märk­te. Ohne Schutz vor NGT-Kon­ta­mi­na­tio­nen sei genau das bedroht, dazu kom­me die erwar­te­te Patent­flut, die die Saat­gut­viel­falt zusätz­lich gefähr­de.

Michael Betzinger, Geschäftsführung Betzinger OHG, zugeschaltet

Bet­zin­ger warn­te: „Ver­un­rei­ni­gung kann uns die Zer­ti­fi­zie­rung kos­ten, jah­re­lan­ge Arbeit wäre umsonst.“ Er und sein Bru­der haben die Bäcke­rei ihres Vaters auf hand­werk­li­che, gen­tech­nik­freie Ver­ar­bei­tung umge­stellt und ver­ar­bei­ten in einer eige­nen regio­na­len Ket­te Getrei­de aus einem Was­ser­schutz­ge­biet zum „Wald­was­ser-Brot“. Regio­na­li­tät und Gen­tech­nik­frei­heit sei­en sei­ne wich­tigs­ten Ver­kaufs­ar­gu­men­te, und damit akut durch die Ver­ord­nung bedroht.

Eva Heusinger, politisches Engagement, Rapunzel Naturkost GmbH & Co. KG

Heu­sin­ger mach­te beson­ders deut­lich, wie schnell Gen­tech­nik­frei­heit zum wirt­schaft­li­chen Risi­ko wer­den kann. „Kon­ta­mi­na­ti­on geht ein­sei­tig“, sag­te sie und erin­ner­te an den Fall kana­di­scher Lein­saat, die 2009 mit nicht zuge­las­se­nem gen­tech­nisch ver­än­der­tem Lein ver­un­rei­nigt war. Ein Zufalls­fund kön­ne für Her­stel­ler schnell 100.000 Euro Rück­ruf­kos­ten bedeu­ten – ganz zu schwei­gen vom Ver­trau­ens­ver­lust bei der Kund­schaft. Rapun­zel gehört mit über 500 Mit­ar­bei­ten­den, rund 600 Pro­duk­ten und 300 Zulie­fe­rern zu den größ­ten rei­nen Bio-Her­stel­lern Euro­pas und enga­giert sich seit rund 30 Jah­ren gezielt für Gen­tech­nik­frei­heit. Das bis­he­ri­ge risi­ko­ori­en­tier­te Prüf­sys­tem habe gut funk­tio­niert, GVO-ver­un­rei­nig­te Ware wer­de kon­se­quent zurück­ge­wie­sen. Ohne ver­pflich­ten­de Nach­weis­ver­fah­ren durch die Inver­kehr­brin­ger müs­se Rapun­zel die­se Ana­ly­tik künf­tig selbst und auf eige­ne Kos­ten in Auf­trag geben.

Gerd Winter und Barbara Endraß

Win­ter ver­wies abschlie­ßend auf einen wei­te­ren Effekt der Dere­gu­lie­rung: Die Mög­lich­keit zur Paten­tie­rung neh­me zu, was die Patent­dich­te stei­gen las­se und die Nach­zucht von paten­tier­tem Saat­gut erschwe­re. End­raß ergänz­te, Verbraucher:innen ver­lö­ren mit der Ver­ord­nung Ver­trau­en.

Mehr Infor­ma­tio­nen dazu gibt es beim Infor­ma­ti­ons­dienst Gen­tech­nik. Das voll­stän­di­ge Pres­se-Dos­sier, wei­te­re Hin­ter­grün­de und die Namen aller Kläger:innen fin­den sich auf der The­men­sei­te Direkt­kla­ge.

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