Kleine Ursache – große Wirkung

Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on hat am 5. Juli einen lan­ge erwar­te­ten Gesetz­ent­wurf zur weit­ge­hen­den Dere­gu­lie­rung der euro­päi­schen Gen­tech­nik-Gesetz­ge­bung für Pflan­zen vor­ge­legt. Soll­ten Euro­pa­par­la­ment und Minis­ter­rat ihn nach der Som­mer­pau­se so ver­ab­schie­den, wäre das nicht nur das Ende des Vor­sor­ge­prin­zips in die­sem Bereich, son­dern auch der Tür­öff­ner für eine neue Form indus­tri­el­ler Land­wirt­schaft in Euro­pa.

Von Ben­ny Haer­lin, Save Our Seeds

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Das Hin­zu­fü­gen, Ent­fer­nen oder Ver­tau­schen ein­zel­ner Basen­paa­re im Erb­gut kann einen gewal­ti­gen Unter­schied für das Funk­tio­nie­ren einer Zel­le und die Eigen­schaf­ten eines gan­zen Orga­nis­mus machen. Es ist ein wenig wie Johann Sebas­ti­an Bachs Defi­ni­ti­on von gekonn­tem Kla­vier­spiel: Man muss nur zur rich­ti­gen Zeit die rich­ti­ge Tas­te drü­cken. So ein­fach ist das und doch auch so schwer. Dar­in liegt der Reiz der Gen­tech­nik, aber auch ihr Risi­ko.

Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on schlägt nun vor, dass Pflan­zen, die an bis zu zwan­zig Stel­len des Erb­guts gen­tech­nisch ver­än­dert wur­den, den­noch wie her­kömm­lich gezüch­te­te Pflan­zen zu behan­deln sind. An die­sen zwan­zig Stel­len dür­fen belie­big vie­le Basen­paa­re (Nukleo­ti­de) zer­stört oder in ihrer Rei­hen­fol­ge umge­kehrt wer­den, bis zu 20 Basen­paa­re ver­än­dert oder ersetzt wer­den, belie­big lan­ge benach­bar­te DNA Sequen­zen durch ver­wand­te Sequen­zen ersetzt wer­den und jede ande­re Ver­än­de­rung von belie­bi­ger Län­ge vor­ge­nom­men wer­den, die bereits in irgend­ei­ner mit der Pflan­ze direkt oder über Zwi­schen­schrit­te kreuz­ba­ren Pflan­ze vor­kommt.

Die­se neu­en Gen­tech­nik­pflan­zen bedür­fen kei­ner indi­vi­du­el­len Risi­ko­prü­fung und Zulas­sung mehr, müss­ten nicht län­ger rück­ver­folg­bar sein und nicht mehr als GVO gekenn­zeich­net wer­den, so der Vor­schlag der EU Kom­mis­si­on. Das wäre das Ende der vor­sor­gen­den und trans­pa­ren­ten Gen­tech­nik­ge­setz­ge­bung wie sie seit 1990 in ver­schie­de­nen Richt­li­ni­en und Ver­ord­nun­gen der EU Gül­tig­keit hat.

Für die­se neue Gen­tech­nik, die (zunächst nur bei Pflan­zen) nicht mehr als Gen­tech­nik behan­delt wer­den soll, hat die Kom­mis­si­on den Begriff „neue geno­mi­sche Tech­ni­ken“ ein­ge­führt. Gemeint ist damit in ers­ter Linie die auch als „Gen­sche­re“ bezeich­ne­te CRIS­PR-Cas Tech­no­lo­gie, mit deren Hil­fe an genau defi­nier­ba­ren Stel­len des Genoms ein Dop­pel­bruch der DNA erzeugt wird. Bei ihrer zell­ei­ge­nen Repa­ra­tur kann die DNA sodann gezielt ver­än­dert wer­den. Ein­zel­ne oder meh­re­re Basen­paa­re kön­nen umge­schrie­ben oder ent­fernt, aber auch län­ge­re DNA-Abschnit­te still­ge­legt oder neu an der Bruch­stel­le ein­ge­setzt wer­den. Um eine sol­che „Edi­tie­rung“ des Erb­gu­tes vor­neh­men zu kön­nen, wird zunächst mit klas­si­schen Metho­den der Gen­tech­nik die bak­te­ri­el­le DNA des CRIS­PR-Cas Enzyms samt RNA-Such­me­cha­nis­mus in die Zel­le ein­ge­bracht und anschlie­ßend mög­lichst wie­der ent­fernt.

Eine neue Geschichte über die Gentechnik

Es hand­le sich bei die­ser „Genom-Edi­tie­rung“, so die zen­tra­le Begrün­dung für die vor­ge­schla­ge­ne Neu­be­wer­tung der Kom­mis­si­on, ledig­lich um „geziel­te Muta­tio­nen“, die auch auf „natür­li­che Art“ durch her­kömm­li­che Züch­tung ent­ste­hen könn­ten. Damit ver­bun­de­ne Risi­ken für Umwelt und mensch­li­che Gesund­heit sei­en des­halb grund­sätz­lich nicht höher als die Pro­duk­te kon­ven­tio­nel­ler Züch­tung. Zudem sei­en sie von die­sen nicht ein­mal zuver­läs­sig unter­scheid­bar. Im Unter­schied zu „trans­ge­nen“ Orga­nis­men, die „art­frem­de“ DNA aus einem ande­ren Orga­nis­mus ent­hal­ten, wür­den bei der „Cis­ge­ne­se“ nur exak­te Kopien von gene­ti­schem Mate­ri­al aus ver­wand­ten Pflan­zen ein­fügt, das bereits im „Gen­pool der Züch­ter“ die­ser Pflan­zen irgend­wo auf der Welt ver­füg­bar ist. Falls die DNA-Kopie nicht exakt die glei­che ist, son­dern schon ein wenig „umar­ran­giert“ wur­de, etwa a ver­schie­de­nen DNA-Abschnit­ten, die im „Gen­pool der Züch­ter“ vor­kom­men, hand­le es sich um „Intra­ge­ne­se“. Auch sie kön­ne behan­delt wer­den, als hand­le es sich dabei um her­kömm­li­che Züch­tung.

Das neue Dog­ma, das hier­aus abge­lei­tet wird ist, dass von gen­tech­nisch ver­än­der­ten Pflan­zen, die durch „geziel­te Muta­ge­ne­se“ erzeugt wur­den und kei­ne „art­frem­de“ DNA im wei­tes­ten Sin­ne ent­hal­ten, kei­ne ande­ren Gefah­ren für die Umwelt und mensch­li­che Gesund­heit aus­ge­hen kön­nen als von her­kömm­lich gezüch­te­ten.

Was die EU-Kom­mis­si­on hier prä­sen­tiert, ist ein neu­es Nar­ra­tiv, eine alter­na­ti­ve Wahr­heit dar­über, was Gen­tech­nik bedeu­tet und wie sie funk­tio­niert. Die Grund­be­grif­fe wur­den vor über 20 Jah­ren zunächst von Wis­sen­schaft­lern der Wagen­in­gen Uni­ver­si­tät mit damals mäßi­gem Erfolg ent­wi­ckelt. Den Anstoss gaben ethi­sche Dis­kus­sio­nen mit zwei christ­li­chen Par­tei­en, bei denen es u.a. um die Inte­gri­tät von Orga­nis­men ging, die von gen­tech­ni­schen Ver­än­de­run­gen mit eige­nem gene­ti­schem Mate­ri­al mög­li­cher­wei­se weni­ger ver­letzt wer­de als von „art­frem­den“. Vor­stös­se des nie­der­län­di­schen Par­la­ments, Cis­ge­ne­tik, Intra­ge­ne­tik und den Züch­ter-Pool in die euro­päi­sche Gesetz­ge­bung ein­zu­füh­ren schei­ter­ten damals.

Doch seit CRIS­PR-Cas die deut­lich erlahm­te Phan­ta­sie der Gen­tech­nik-Bran­che neu beflü­gelt, wird die­ses Nar­ra­tiv nun mas­siv ver­brei­tet: Das ist gar kei­ne rich­ti­ge Gen­tech­nik son­dern fast natür­li­che Muta­ge­ne­se. Doch dann stell­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof im Jah­re 2018 in einem Grund­satz­ur­teil fest, dass sämt­li­che neu­en Gen­tech­nik­me­tho­den (CRIS­PR-Cas, Talen, Zink­fin­ger-Nuklea­sen) unter das herr­schen­de Gen­tech­nik­recht der EU fal­len. Man­gels prak­ti­scher Erfah­rung und dank neu­er tech­ni­scher Mög­lich­kei­ten, könn­ten die neu­en Gen­tech­nik­me­tho­den even­tu­ell sogar ris­kan­ter sein als bis­he­ri­ge Metho­de. Seit­her arbei­tet eine mil­lio­nen­schwe­re Indus­trie­lob­by und eine eher beschei­de­ne Abtei­lung der Gene­ral­di­rek­ti­on Gesund­heit bei der EU Kom­mis­si­on dar­an, das Gesetz zu ändern, auf des­sen Grund­la­ge der EuGH urteil­te: Wer das Urteil nicht ändern kann, muss das Gesetz umschrei­ben. Die Euro­päi­sche Lebens­mit­tel­si­cher­heits­be­hör­de EFSA wur­de beauf­tragt, die Risi­ken der ver­schie­de­nen Gen­tech­nik-Kate­go­rien zu ver­glei­chen und ihnen damit höhe­re wis­sen­schaft­li­che Wei­hen zu ver­lei­hen.

Wer nach wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur über Cisgene­se, Intra­ge­ne­se oder den „bree­ders gene pool“ sucht, fin­det die­se Begrif­fe aus­schließ­lich im Zusam­men­hang mit der angeb­lich nicht mehr zeit­ge­mä­ßen Gen­tech­nik-Zulas­sungs­pra­xis in Euro­pa. Das Nar­ra­tiv von ris­kan­ten Trans­ge­nen und unge­fähr­li­chen Cis- und Intra­ge­nen, von gro­ben gen­tech­ni­schen Mani­pu­la­tio­nen der Ver­gan­gen­heit und prä­zi­sen Muta­tio­nen der Zukunft bie­tet Politiker*innen, Ernäh­rungs- und Land­wirt­schafts­un­ter­neh­men eine Mög­lich­keit an, den Ein­satz für die Dere­gu­lie­rung der Gen­tech­nik nicht als poli­ti­schen Sin­nes­wan­del, son­dern als neue­re wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis zu prä­sen­tie­ren.

Es gibt vie­le Stel­len in dem Dere­gu­lie­rungs­vor­schlag, an denen gen­tech­nisch hin­läng­lich Gebil­de­te und mit der Geschich­te der Gen­tech­nik­de­bat­te Ver­trau­te eigent­lich nur einen Schluss zie­hen kön­nen: Hier haben Men­schen, die die Anwen­dung von Gen­tech­nik in der Züch­tung seit Lan­gem für unge­fähr­lich hal­ten und die bis­he­ri­ge Gen­tech­nik­ge­setz­ge­bung der EU für völ­lig über­zo­gen, sich ein Mär­chen für Poli­ti­ker und die brei­te Öffent­lich­keit aus­ge­dacht, das einen zügi­gen Aus­stieg aus dem gan­zen „Hum­bug“ erlaubt. „Genom-edi­tier­te“ Pflan­zen sind dafür der Ein­stieg. Die Euro­päi­sche Lebens­mit­tel­be­hör­de EFSA arbei­tet bereits an der Neu­be­wer­tung gen­tech­ni­scher Ver­än­de­run­gen bei Mikro­or­ga­nis­men.

Darf’s etwas komplexer sein?

Aller­dings wider­spricht die­ses Nar­ra­tiv von den guten und den frem­den Genen und von dem, was natür­lich ist und was nicht, vie­len neue­ren Ein­sich­ten der Mole­ku­lar­bio­lo­gie. Dort setzt sich näm­lich die Erkennt­nis durch, dass Zel­len und Orga­nis­men ein­zel­ne DNA Abschnit­te nach Regeln able­sen und kom­bi­nie­ren, die nicht ein­fach in die DNA selbst „ein­pro­gram­miert“ sind.

Die Erkennt­nis des Human Geno­me Pro­ject vor 20 Jah­ren, dass der mensch­li­che Kör­per über 200.000 ver­schie­de­ne Eiwei­ße mit nur ca. 25.000 soge­nann­ten Genen, sprich ables­ba­ren DNA-Abschnit­ten, erzeugt, hat unser Bild vom soge­nann­ten Bau­plan des Lebens grund­le­gend ver­än­dert. Seit­her hat die Epi­ge­ne­tik eine Viel­zahl von Ent­de­ckun­gen gemacht, die das nai­ve Bild der DNA als Pro­gramm-Code rela­ti­vie­ren. Dazu gehö­ren die viel­fäl­ti­gen Funk­tio­nen von RNA, aber auch die Rol­le jener 99 Pro­zent der DNA, die nicht den Bau­plan von Eiweis­sen codie­ren, und des­halb ursprüng­lich ein­mal als „junk DNA“ abge­tan wur­den. Es ist fas­zi­nie­rend: Je wei­ter die Wis­sen­schaft in die­se Wis­sens­ge­bie­te vor­dringt, des­to kom­ple­xer wird das Bild. Dafür gibt gera­de die CRIS­PR-Cas-Tech­no­lo­gie, die das geziel­te „Aus­schal­ten“ ein­zel­ner Gene ermög­licht, der For­schung ein enorm mäch­ti­ges, neu­es Instru­ment an die Hand.

Grob ver­ein­facht könn­te man die DNA viel­leicht mit einer Art fes­ten Ver­drah­tung ver­glei­chen, derer sich eine bis­her nur sehr unvoll­stän­dig ver­stan­de­ne „Soft­ware“ der Zel­le in unter­schied­li­chen Zel­len und Ent­wick­lungs­sta­di­en und bei ver­schie­de­nen Umwelt­her­aus­for­de­run­gen bedient. In Unkennt­nis und unter Umge­hung der natür­li­chen Regeln und Kon­troll­me­cha­nis­men der Ver­er­bung direkt in die DNA ein­zu­grei­fen, kann uner­war­te­te Risi­ken und Neben­wir­kun­gen mit sich brin­gen.  Eine der­ar­ti­ge Ein­griffs­tie­fe, so die bis­he­ri­ge Grund­über­le­gung der vor­sor­gen­den Gen­tech­nik­ge­setz­ge­bung der EU, bedarf beson­de­rer Vor­sichts­maß­nah­men und Risi­ko­ab­schät­zun­gen. Denn unse­re Erfah­rung mit der­ar­ti­gen Ein­grif­fen und ihren unmit­tel­ba­ren und mit­tel­ba­ren, kurz- und län­ger­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen sind nach wie vor begrenzt.

Hier endet lei­der auch die Erzäh­lung von der unge­heu­ren Prä­zi­si­on der neu­en Tech­no­lo­gie. Erst wer ver­steht, in wel­che Zusam­men­hän­ge sie oder er jeweils direkt oder indi­rekt ein­greift, kann ech­te Prä­zi­si­on für sich in Anspruch neh­men. Wer dage­gen bes­ten­falls Wahr­schein­lich­kei­ten ange­ben kann, mit denen bestimm­te, noch so prä­zi­se Ver­än­de­run­gen ein­zel­ner DNA Abschnit­te ver­än­der­te Eigen­schaf­ten her­vor­brin­gen, ist von ech­ter Kau­sa­li­tät und ver­läss­li­cher Bewer­tung nicht erwünsch­ter Mög­lich­kei­ten noch weit ent­fernt. Auch ein mit äußers­ter Prä­zi­si­on geführ­ter Schlag ins Was­ser bleibt ein sol­cher.

Ungereimtheiten

Es gibt eine Rei­he von wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Ein­wän­den gegen das Nar­ra­tiv der geziel­ten Muta­ti­on und ihrer unge­heu­ren Prä­zi­si­on. Zu ihnen gehört unter ande­rem, dass CRIS­PR-Cas Enzy­me zwar sehr genau auf eine bestimm­te Abfol­ge von Basen­paa­ren ange­setzt wer­den kön­nen, nach denen ihre RNA-„Nase“ sucht. Sie ken­nen eine Stel­le ihrer Wahl, an der ein geziel­ter Dop­pel­strang­bruch der Helix ver­ur­sacht wer­den soll. Doch wie vie­le wei­te­re glei­che oder täu­schend ähn­li­che Sequen­zen sich an ande­ren Stel­len des Genoms fin­den, bleibt offen. Die Lite­ra­tur zu unbe­ab­sich­tig­ten und unvor­her­ge­se­he­nen Fol­gen beim Ein­satz von CRIS­PR-Cas zu medi­zi­ni­schen Zwe­cken ist erdrü­ckend. Es gibt kei­nen Grund anzu­neh­men, dass die Lis­ten bei Pflan­zen gerin­ger wären. Erschre­ckend ist eher, dass nach sol­chen unbe­ab­sich­tig­ten Brü­chen hier kaum gesucht wird.

Für Furo­re sorg­te bei­spiels­wei­se kürz­lich die Beschrei­bung eines „Chro­mo­thrip­sis“ genann­ten Effekts von Dop­pel­strang­brü­chen in Pflan­zen, bei dem Tei­le des betrof­fe­nen Chro­mo­soms abrei­ßen, mit mas­si­ven Fol­gen, die jedoch nicht immer leicht erkenn­bar sind. Die­ser Effekt war in Zel­len von Säu­ge­tie­ren und Men­schen bereits seit län­ge­rem bekannt.

Dass CRIS­PR-Cas Brü­che auch in sol­chen Regio­nen des Genoms ver­ur­sacht, die von Natur aus gegen zufäl­li­ge Muta­tio­nen beson­ders gut geschützt sind, stellt die Behaup­tung stark in Fra­ge, geziel­te  Muta­tio­nen sei­en eigent­lich nur harm­lo­se Vari­an­ten des­sen, was in der Natur stän­dig pas­siert.

Nicht zuletzt ist der beson­de­re Mecha­nis­mus von CRIS­PR-Cas, nicht nur eine, son­dern sämt­li­che Fund­stel­len einer bestimm­ten DNA-Sequenz im Genom gleich­zei­tig zu ver­än­dern, ein Effekt, der mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit bei natür­li­chen Muta­tio­nen aus­zu­schlie­ßen ist. Er gilt ja auch als beson­de­re Stär­ke der Tech­nik: Wei­zen mit sei­nen vier bis sechs Chro­mo­so­men­sät­zen und ent­spre­chend vie­len Kopien ein­zel­ner Gene, sei­ne all­er­ge­ne Glu­ten Pro­duk­ti­on aus­zu­trei­ben, könn­te so mög­lich wer­den.

Hin­zu kommt ein Ansatz, durch den Geor­ge Church, ein Pio­nier und Enfant ter­ri­ble der Gen­tech­nik, mit sei­ner Fir­ma Col­lo­sal den tas­ma­ni­schen Beu­tel­wolf oder das Mam­mut wie­der auf­er­ste­hen las­sen will. Stück für Stück will er eine CRIS­PR-Ver­än­de­rung an die nächs­te rei­hen, um die 0,4% Unter­schied zwi­schen dem Genom des Mam­mut und dem des asia­ti­schen Ele­fan­ten zu über­brü­cken. Für weni­ger ambi­tio­nier­te Pflan­zen­zucht-Zie­le ist die sys­te­ma­ti­sche Anein­an­der­rei­hung ein­zel­ner „geziel­ter Muta­tio­nen“ nicht unbe­dingt eine ver­spon­ne­ne Mam­mut­auf­ga­be. Gan­ze am Bild­schirm ent­wor­fe­ne DNA-Sequen­zen lie­ßen sich so mög­li­cher­wei­se Schritt für Schritt auf einen Orga­nis­mus über­tra­gen; wenn es der EU-Kom­mis­si­on Freu­de macht, auch in Ein­zel­schrit­ten von jeweils 20 mal 20 Ver­än­de­run­gen. Sie lan­den ja dann im breeder‘s pool als wei­te­rer Schrit­te.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Der viel­leicht besorg­nis­er­re­gends­te Vor­schlag der EU Kom­mis­si­on liegt in der völ­lig neu­en Her­an­ge­hens­wei­se an die Risi­ko­ab­schät­zung und –bewer­tung der neu­en Gen­tech­nik. Unter­sucht wer­den soll bei der Fra­ge um wel­che Art von GVO es sich han­delt, künf­tig nicht mehr der tat­säch­li­che Orga­nis­mus, son­dern nur noch das erfin­de­ri­sche Kon­zept die­ses GVO. Die Her­stel­ler tei­len der Behör­de die beab­sich­tig­ten Ver­än­de­run­gen mit und die Prü­fer unter­su­chen nach Akten­la­ge inner­halb von 30 Tagen ob die­se Ver­än­de­run­gen ihrer Mei­nung nach auch mit her­kömm­li­chen Züch­tungs­tech­ni­ken erzeugt wer­den kön­nen bzw. cis­ge­ne­ti­scher oder intra­ge­ne­ti­scher Natur sind.

Eine kon­kre­te Ana­ly­se und Wür­di­gung nicht beab­sich­tig­ter Ver­än­de­run­gen ist nicht mehr vor­ge­se­hen. Das erin­nert an den berühm­ten Betrun­ke­nen, der nach dem ver­lo­re­nen Schlüs­sel­bund unter der Later­ne sucht, weil nur dort Licht ist. Risi­ken und Neben­wir­kun­gen dage­gen, so lehrt uns die Erfah­rung, soll­ten wir gera­de da suchen, wo wir sie nicht erwar­ten.

Apro­pos Schlüs­sel­bund: Die rät­sel­haf­te Zahl von maxi­mal 20 Nukleo­ti­den, die von nun an als „natür­li­che Muta­ti­on“ durch­ge­hen sol­len, stammt – so die Ver­mu­tung betei­lig­ter Wis­sen­schaft­ler –  ursprüng­lich aus einer Unter­su­chung von natür­lich vor­kom­men­den gene­ti­schen Unter­schie­den in 80 Pflan­zen der glei­chen Pflan­zen­art (Acker­schmal­wand, so etwas wie die Labor­maus der Pflan­zen­geneti­ker) aus dem Jah­re 2011. Damals erlaub­te es die ein­ge­setz­te Test­me­tho­de zum heu­ti­gen Bedau­ern der Wis­sen­schaft­ler nicht, län­ge­re Sequen­zen eben­so zuver­läs­sig zu erken­nen. Die Zahl scheint also in ers­ter Linie der Begren­zung der dama­li­gen Test­me­tho­den zu ver­dan­ken zu sein.

Auf welchen Pfad wollen wir uns begeben?

Über all dies lie­ße sich treff­lich strei­ten, spot­ten und phi­lo­so­phie­ren. Doch wir wer­den mög­li­cher­wei­se im Lau­fe der kom­men­den Jah­re noch atem­be­rau­ben­de Erschüt­te­run­gen unse­rer bis­he­ri­gen Vor­stel­lun­gen von Gene­tik und Epi­ge­ne­tik, von DNA und Mikro­bio­lo­gie erle­ben, die über jene der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te weit hin­aus­ge­hen. Den­ken wir nur an die revo­lu­tio­nä­ren Erkennt­nis­se, die sich gera­de über das Mikro­bi­om auch in der Öffent­lich­keit durch­set­zen oder an die Mög­lich­kei­ten, mit­tels soge­nann­ter künst­li­cher Intel­li­genz in Minu­ten statt bis­her Jah­ren die drei­di­men­sio­na­le Fal­tung von Eiwei­ßen zu berech­nen. Die Com­pu­ter tun dies mit selbst­ler­nen­den Pro­gram­men, deren Logik auch ihre Erfin­der nicht mehr nach­voll­zie­hen kön­nen. Ob uns dies eher begeis­tert oder beängs­tigt, wir soll­ten uns auf bahn­bre­chen­de neue Ein­sich­ten ein­stel­len und auch auf mög­li­cher­wei­se dis­rup­ti­ve Anwen­dungs­mög­lich­kei­ten in der Land­wirt­schaft und Ernäh­rung.

Dass fun­da­men­ta­le Ver­än­de­run­gen von Nöten sind, steht ange­sichts der Schä­den, die wir auf die­sem Gebiet der Natur der­zeit zufü­gen, außer Fra­ge. Eben­so steht außer Fra­ge, dass wir uns gera­de des­halb gen­tech­ni­sche Idio­ti­en wie die her­bi­zid­to­le­ran­ten Mono­kul­tu­ren von Bay­er, Syn­gen­ta und Cort­eva nicht wei­ter leis­ten kön­nen und auch nicht deren Fort­füh­rung mit ande­ren Mit­teln. An ers­ter Stel­le muss der Aus­stieg aus einer indus­tri­el­len Land­wirt­schaft des letz­ten Jahr­hun­derts ste­hen, aus deren Über­dün­gung und Ver­gif­tung, inef­fi­zi­en­ter Über­pro­duk­ti­on, Ver­schwen­dung und Ver­drän­gung bäu­er­li­cher Exis­ten­zen und Pro­duk­ti­on von Lebens­mit­teln von immer gerin­ge­rer Qua­li­tät. Die­se agrar­öko­lo­gi­sche Umge­stal­tung zu ver­pas­sen wäre nicht nur ris­kant, son­dern mit Sicher­heit eine töd­li­che Gefahr.

Wo Einig­keit über die­se agrar­öko­lo­gi­sche Wen­de herrscht, soll­ten wir mit Augen­maß und Ver­stand, um den Auf­bau von gegen­sei­ti­gem Ver­trau­en bemüht, über geeig­ne­te Tech­no­lo­gien, Prio­ri­tä­ten und zeit­li­che Per­spek­ti­ven in For­schung und Ent­wick­lung spre­chen. Es geht dabei immer um kom­ple­xe und viel­fäl­ti­ge Sys­te­me, nicht ein­zel­ne Pro­duk­te, mit denen wir am Bes­ten die unter­schied­li­chen Her­aus­for­de­run­gen von Kli­ma­wan­del und Arten­ster­ben, Boden­frucht­bar­keit und Was­ser­haus­hal­ten meis­tern in ihrem jewei­li­gen regio­na­len und öko­lo­gi­schen Kon­text. Zu reden ist dabei auch über die öko­lo­gi­sche, gesund­heit­li­che und sozia­le Beherrsch­bar­keit und Wir­kung von Tech­no­lo­gien und Ent­wick­lungs­pfa­den jen­seits der tech­ni­schen Risi­ken im enge­ren Sin­ne.

Sie las­sen sich beim gegen­wär­ti­gen Stand des Wis­sens auf der einen und der enor­men Geschwin­dig­keit tech­ni­scher Ent­wick­lun­gen auf der ande­ren Sei­te schwer­lich auf die Ana­ly­se ein­zel­ner mole­ku­lar­bio­lo­gi­scher Tat­be­stän­de redu­zie­ren. Die Rabu­lis­tik und Win­kel­zü­ge der Defi­ni­ti­on von Cis­ge­ne­se, Intra­ge­ne­se und bree­ders gene pool wider­spre­chen inso­fern nicht nur den Anfor­de­run­gen evi­denz­ba­sier­ter und soli­der Wis­sen­schaft. Sie len­ken auch von den wirk­li­chen Her­aus­for­de­run­gen und mög­li­chen Gefah­ren und Risi­ken ab.

So spie­len die sin­ken­den Kos­ten sowohl der CRIS­PR-Cas Tech­nik als auch der Sequen­zie­rung von Geno­men und ihrer digi­ta­len Ver­ar­bei­tung auch für die Wahr­schein­lich­keit von tech­ni­schen Feh­lern und Miss­brauch eine wesent­li­che Rol­le. Für die­se Pro­duk­te gera­de in der gegen­wär­ti­gen Pha­se all­ge­mei­ner Gold­grä­ber­stim­mung auf spe­zi­fi­sche Risi­ko­ab­schät­zung und geord­ne­te Zulas­sung, Iden­ti­fi­zier­bar­keit, Moni­to­ring und Kenn­zeich­nung zu ver­zich­ten, wider­spricht offen­sicht­lich dem gesun­den Men­schen­ver­stand. Dere­gu­lie­rung in Zei­ten eines explo­die­ren­den tech­no­lo­gi­schen Inno­va­ti­ons­schu­bes mit unge­wis­sem Aus­gang ist das Gegen­teil von Vor­sor­ge und Umsicht. Das soll­te jede*r Politiker*in und jedes Mit­glied einer öffent­li­chen Ver­wal­tung begrei­fen und könn­te es sich gege­be­nen­falls sogar von Elon Musk und ande­ren Prot­ago­nis­ten der Künst­li­chen Intel­li­genz erklä­ren las­sen.

Die Neue Saatgut-Ordnung

Zur sozia­len Beherrsch­bar­keit, aber auch zur Opti­mie­rung des Inno­va­ti­ons­po­ten­ti­als der gesam­ten Land­wirt­schaft in Euro­pa und der Welt gehört auch die Fra­ge, wem die neu­en, aber auch die alten tech­no­lo­gi­schen Mög­lich­kei­ten künf­tig gehö­ren wer­den. Die Dere­gu­lie­rung der Gen­tech­nik geht dabei mit der Gier nach „geis­ti­gem Eigen­tum“ an Saat­gut und ein­zel­nen gene­ti­schen Eigen­schaf­ten mög­li­cher­wei­se eine fata­le Ver­bin­dung ein. Was immer mit Hil­fe von CRIS­PR-Cas und ähn­li­chen Gen­tech­ni­ken ent­wi­ckelt wird, fällt nach gel­ten­dem Euro­päi­schen Patent­recht nicht mehr unter grund­sätz­li­che Ver­bot der Paten­tie­rung von „im wesent­li­chen bio­lo­gi­schen Ver­fah­ren zur Pro­duk­ti­on von Pflan­zen und Tie­ren“ (her­kömm­li­cher Züch­tung etwa) und deren Pro­duk­ten. CRIS­PR-Cas wäre also ein Tür­öff­ner, um Saat­gut bzw. ein­zel­ne Eigen­schaf­ten zu paten­tie­ren und nicht mehr „nur“ unter Sor­ten­schutz zu stel­len. Es ist nicht der ein­zi­ge Weg, den die Patent­an­wäl­te von Bay­er, Cort­eva, Syn­gen­ta & Co der­zeit beschrei­ten, aber der ein­fachs­te.

Der zen­tra­le Unter­schied: Mit geschütz­ten Sor­ten kön­nen Züch­ter wei­ter neue Sor­ten ent­wi­ckeln ohne dass es dafür der Zustim­mung des Sor­ten-Inha­bers bedarf. Land­wir­te kön­nen aus die­sen Sor­ten eige­nes Saat­gut gewin­nen und opti­mie­ren. Bei paten­tier­tem Saat­gut läuft ohne die Zustim­mung und Lizenz des Patent­in­ha­bers dage­gen nichts mehr. Das gilt, und hier kommt die Kenn­zeich­nung und Iden­ti­fi­zier­bar­keit des von GVOs ins Spiel, auch dann, wenn die paten­tier­te Eigen­schaft zufäl­lig in Zucht- oder Pflanz­ma­te­ri­al ein­kreuzt: Sie bleibt das exklu­si­ve Eigen­tum des Patent­in­ha­bers.

Aus­ge­rech­net in Zei­ten, in denen die Anpas­sung und Ent­wick­lung neu­er Sor­ten durch Kli­ma­wan­del und Arten­ver­lust eine beson­de­re Dring­lich­keit bekommt, wür­de die „Ver­cris­pe­rung“ der Züch­tung einem noch klei­ne­ren und exklu­si­ven Kreis von Unter­neh­men und deren Anwalts­kanz­lei­en das Feld über­las­sen. Den Res­ten von „open source“, die im Sor­ten­recht ver­an­kert sind, wür­de so der Gar­aus gemacht. Für jedes Zucht­un­ter­neh­men wäre die Ver­su­chung und bald auch der Kon­kur­renz­druck groß, neu­en Sor­ten eine „geziel­te Muta­ti­on“ anzu­hän­gen, um den Bäue­rIn­nen den Nach­bau und der Kon­kur­renz die Nut­zung des gene­ti­schen Mate­ri­als zu ver­sa­gen. Der gesam­te Saat­gut-Markt wür­de so in rela­tiv kur­zer Zeit einer neu­en Welt­ord­nung unter­wor­fen. Die Fol­gen las­sen sich heu­te bereits in Ame­ri­ka besich­ti­gen, wo klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Zucht­un­ter­neh­men prak­tisch ver­schwun­den sind. Der Erhalt und die Fort­ent­wick­lung des viel­leicht wich­tigs­ten Erbes der Mensch­heit, des­sen Viel­falt schon seit Jahr­zehn­ten klei­ner und klei­ner wird, wür­de end­gül­tig zur exklu­si­ven Tech­no­lo­gie eini­ger weni­ger Saat­gut-Olig­ar­chen ver­kom­men; den glei­chen übri­gens die die Kenn­zeich­nung und Rück­ver­folg­bar­keit die­ser neu­en Gen­tech­nik-Pro­duk­te mit dem Argu­ment bekämp­fen, sie sei­en von her­kömm­lich gezüch­te­ten Vari­an­ten prak­tisch nicht zu unter­schei­den. Wenn es um ihre Paten­te geht, wer­den sie hier­für mit Sicher­heit Mit­tel und Wege fin­den.

Praktische Vorsorge

Da Züch­tung und Gen­tech­nik an Pflan­zen stets an der Keim­bahn ansetzt, also sich selbst ver­meh­ren­de Orga­nis­men erzeu­gen, deren Eigen­schaf­ten sich zudem in der Natur auf ver­wand­te Arten aus­kreu­zen und wei­ter­ver­brei­ten kön­nen, ist Vor­sor­ge gebo­ten. Wir soll­ten mög­li­che Risi­ken vor­ab in der Pra­xis unter­su­chen und abschät­zen. Der Ein­griff soll­te im Not­fall so weit wie mög­lich rück­gän­gig gemacht wer­den kön­nen, die frei­ge­setz­ten GVOs zu die­sem Zweck ein­deu­tig iden­ti­fi­zier­bar sein. Dies ist tech­nisch kein Pro­blem, wenn die Her­stel­ler des GVOs koope­rie­ren und wie bis­her einen Test als Bestand­teil der Zulas­sungs­un­ter­la­gen ein­rei­chen.

Die Fra­ge, über die jetzt bei der mög­li­chen Dere­gu­lie­rung der Gen­tech­nik aber gestrit­ten wer­den muss, ist eine ande­re: Wie­viel Respekt haben wir sinn­vol­ler­wei­se vor den sich abzeich­nen­den neu­en Mani­pu­la­ti­ons­mög­lich­kei­ten und dem längst nicht begrif­fe­nen gro­ßen Gan­zen, in das wir mit ihnen ein­grei­fen? Und wie viel Vor­sicht ist im Umgang mit der mensch­li­chen Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit und dar­aus ent­ste­hen­den Macht­ver­hält­nis­sen gebo­ten?

Ist es wirk­lich sinn­voll, der Gen­tech­nik-Zunft, die bei allem Respekt noch kei­nen ein­zi­gen über­zeu­gen­den Bei­trag zum öko­lo­gi­schen Umbau und zur Nach­hal­tig­keit von Ernäh­rung und Land­wirt­schaft vor­zu­wei­sen hat, durch weit­ge­hen­de Dere­gu­lie­rung der bis­he­ri­gen Sicher­heits- und Trans­pa­renz­vor­schrif­ten kurz­fris­ti­ge Inves­ti­ti­ons­an­rei­ze zu bie­ten? Sind sol­che Vor­schuss-Lor­bee­ren gerecht­fer­tigt für eine Bran­che, deren ein­zi­ger wirt­schaft­li­cher Erfolg in den letz­ten 30 Jah­ren in einem Sys­tem von her­bi­zid­to­le­ran­ten und insek­ten­gif­ti­gen Pflan­zen besteht, das welt­weit gewal­ti­ge Umwelt- und Gesund­heits­schä­den ver­ur­sacht?

Respekt und Ehrlichkeit

War­um bele­gen die inter­es­sier­ten Krei­se und Macher*innen nicht erst ein­mal beschei­den und unter Ein­hal­tung der gel­ten­den Vor­schrif­ten wenigs­tens eini­ge ihrer voll­mun­di­gen Ver­spre­chen mit sau­ber ent­wi­ckel­ten Pro­duk­ten und Kon­zep­ten? Was fürch­ten sie denn? War­um soll auf kei­nen Fall mehr drauf­ste­hen was tat­säch­lich drin ist? Wer sol­che For­de­run­gen stellt macht miss­trau­isch.

Wir soll­ten die Men­schen, die die­se Form des Umgangs mit der Natur auf ihren eige­nen Fel­dern, Gär­ten und Tel­lern aus wel­chen Grün­den auch immer ableh­nen, respek­tie­ren, egal ob es sich dabei – wie gegen­wär­tig – um eine Mehr­heit oder eine Min­der­heit han­delt. Des­halb müs­sen GVOs und ihre Pro­duk­te wei­ter­hin klar gekenn­zeich­net wer­den.

Nicht zuletzt auch, um dem bio­lo­gi­schen Land­bau, der den Ein­satz von Gen­tech­nik aus­schließt, nicht den Todes­stoß zu ver­set­zen. Der Vor­schlag der EU-Kom­mis­si­on bekräf­tigt zwar wei­ter­hin das Ver­bot des Ein­sat­zes, auch der neu­en Gen­tech­nik im Öko­land­bau. Er über­lässt aber die Haf­tung dafür aus­schließ­lich der Bio­bran­che und die Rege­lung der nur noch schwer vor­stell­ba­ren Koexis­tenz den Mit­glied­staa­ten. Und denen bin­det sie dabei sogar noch eine Hand auf den Rücken: Die bis­her mög­li­chen natio­na­len oder regio­na­len Ein­schrän­kun­gen oder gar Ver­bo­te für den Anbau von GVOs wer­den für die nicht mehr rück­ver­folg­ba­ren neu­en GVOs kate­go­risch aus­ge­schlos­sen!

Wer aus die­sen Regeln, v.a. aus der Pflicht zur Kenn­zeich­nung ein angeb­li­ches „Ver­bot der Gen­tech­nik“ in Euro­pa macht, soll­te sein Ver­hält­nis zum Recht auf Selbst­be­stim­mung und Wahl­frei­heit von Produzent*innen und Konsument*innen über­den­ken. Der Ver­such, den Streit um das The­ma dadurch zu been­den, dass dafür ent­schei­den­de Infor­ma­tio­nen den sicht­lich inter­es­sier­ten Bür­ge­rin­nen und Bür­gern künf­tig vor­ent­hal­ten wer­den nach dem Mot­to „die Wis­sen­schaft hat fest­ge­stellt, dass Euch das nicht zu inter­es­sie­ren hat“ ist über­grif­fig.

Welch gewal­ti­gen Unter­schied eine ein­zi­ge fal­sche Tas­te zur fal­schen Zeit machen kann, lie­fer­te übri­gens auf der poli­ti­schen Kla­via­tur unlängst bei einer Anhö­rung im Bun­des­tag der FDP Abge­ord­ne­te Ingo Bod­ke, der mein­te, die geziel­te Muta­ge­ne­se wer­de mit Hil­fe von CRISPR-Cash her­bei­ge­führt, das er auch welt­ge­wandt als „käsch“ aus­sprach und damit unfrei­wil­lig eine gro­ße Wahr­heit gelas­sen aus­sprach.

Noch kann der Vor­schlag der EU Kom­mis­si­on bei den Gesetz­ge­bern im Euro­pa­par­la­ment und im Minis­ter­rat schei­tern. Politiker*innen sind, anders als die Kom­mis­si­on, gera­de in Zei­ten bevor­ste­hen­der Wah­len nicht allein dem Druck der Indus­trie und der von ihr in die­sem Fal­le fast feh­ler­frei orches­trier­ten Lob­by inter­es­sier­ter Wis­sen­schaft­ler und Tech­ni­ker aus­ge­setzt. Sie müs­sen sich auch auf die Hal­tung des eige­nen Wahl­vol­kes ein­stel­len.

Hier­von wird es nun abhän­gen, ob der Mitt­woch, der 5. Juli 2023 als der bedau­er­li­che Anfang vom Ende der Vor­sor­ge und des Respekts bei der Grund­la­ge unse­rer Ernäh­rung in die Geschich­te der EU ein­ge­hen wird oder nur als der Moment, an dem die EU Kom­mis­si­on mal wie­der einen nicht so rich­tig durch­dach­ten Vor­schlag gemacht hat.

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