Die Wandlung von CBD klassisch zu CBD 4.0

Die Welt­na­tur­schutz-Kon­fe­renz CBD hat sich dra­ma­tisch gewan­delt, meint Jim Tho­mas, der als Bera­ter für Save Our Seeds an der Vor­be­rei­tung und den Ver­hand­lun­gen der COP 16 in Cali betei­ligt war. Der Weg von der klas­si­schen CBD zur „CBD 4.0“ sei gepflas­tert mit Tech­no- und Finanz­ver­spre­chen einer neu­en Gene­ra­ti­on von neo­li­be­ra­len Natur­ge­schäfts­leu­ten. Ein poin­tier­ter Hal­lo­ween-Essay nach drei Wochen Öko-Show, Han­dels­mes­se und Diplo­ma­tie in der Hit­ze von Cali.

Von Jim Tho­mas, Scan the Hori­zon

Die dies­jäh­ri­ge Con­fe­rence of the Par­ties (COP) der UN-Arten­schutz­kon­ven­ti­on fand in der Welt­haupt­stadt der Sal­sa statt. Es war ein drei­wö­chi­ges Spek­ta­kel in brü­ten­der Hit­ze. „Cali es cali­en­te“, mur­mel­ten wir, wäh­rend wir uns durch eine Mischung aus Öko-Show, Han­dels­mes­se und ernst­haf­ten diplo­ma­ti­schen Ver­hand­lun­gen schwitz­ten. Für Außen­ste­hen­de der „COP-Kul­tur“, die ver­ste­hen wol­len, was sich in Sachen Bio­tech­no­lo­gie in Cali abge­spielt hat, hier ein gro­ber Über­blick.

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Zunächst ein­mal ist es wich­tig zu ver­ste­hen, dass es nicht nur einen Geist, son­dern zwei ver­schie­de­ne Geis­ter gab, die die COP in Cali wäh­rend die­ser Zeit der Geis­ter und Gespens­ter – Hal­lo­ween fiel in die Zeit der Ver­hand­lun­gen – besetz­ten und beleb­ten.

CBD klassisch

Da ist zum einen die  „gute alte COP“ – der Geist der Ver­gan­gen­heit der CBD, wenn Sie so wol­len. Die­ser Geist umfasst die Geschich­te, Wer­te, Prio­ri­tä­ten, Zie­le und Pro­gram­me, die vie­le von uns CBD-Old­ti­mern nur all­zu gut ken­nen.

Das ursprüng­li­che UN-Über­ein­kom­men über die bio­lo­gi­sche Viel­falt, das es seit drei Jahr­zehn­ten gibt, ging aus dem Erd­gip­fel von Rio 1992 her­vor. Es wur­de zu einer Zeit aus­ge­ar­bei­tet, als eini­ge gut infor­mier­te Umwelt­di­plo­ma­ten besorgt waren über die neue Bedro­hung durch gen­tech­nisch ver­än­der­te Pflan­zen, die zu einer Beein­träch­ti­gung der Arten­viel­falt (und Bio­pi­ra­te­rie an Saat­gut, Tier­ras­sen und indi­ge­nen Kul­tu­ren) bei­tra­gen wür­de. Die­se klas­si­sche CBD-Agen­da hat dem Vor­sor­ge­prin­zip einen fes­ten Platz in ihrer DNA ein­ge­räumt – zusam­men mit einer ver­nünf­ti­gen Prü­fung neu­er Bedro­hun­gen und auf­kom­men­der Pro­ble­me, der Ver­ein­ba­rung von Kon­troll­richt­li­ni­en, der Unter­stüt­zung arten­rei­cher indi­ge­ner Kul­tu­ren und so wei­ter.

Die klas­si­sche CBD-Agen­da besteht auf den Gerech­tig­keits­grund­sät­zen und der Ein­be­zie­hung der sozio­öko­no­mi­schen Aspek­te unse­rer öko­lo­gi­schen Kri­se. Des­halb gibt es das Car­ta­ge­na-Pro­to­koll über die bio­lo­gi­sche Sicher­heit (das eine Risi­ko­be­wer­tung für GVO vor­schreibt), das Nago­ya-Pro­to­koll, das (eher schwach) ver­sucht, gegen Bio­pi­ra­te­rie vor­zu­ge­hen, und das Nago­ya-Kua­la Lum­pur-Zusatz­pro­to­koll über Haf­tung und Scha­dens­er­satz, das (noch schwä­cher) besagt, dass für Schä­den durch GVO gehaf­tet wer­den soll­te.

Im klas­si­schen Modus der CBD gab es in der Ver­gan­gen­heit Mora­to­ri­en für Ter­mi­na­tor-Saat­gut und Geo-Engi­nee­ring, Leit­li­ni­en für die Risi­ko­be­wer­tung, kla­re Stel­lung­nah­men gegen gen­tech­nisch ver­än­der­te Bäu­me und Gene Dri­ves sowie ande­re halb­wegs ver­nünf­ti­ge mul­ti­la­te­ra­le Ent­schei­dun­gen, die durch Pro­tes­te vor Ort unter­stützt wur­den.

Die­se alte Agen­da setzt sich fort, nicht nur bei den Bio­tech-The­men, son­dern auch in der 8(j)-Arbeitsgruppe, in der indi­ge­ne Gemein­schaf­ten ihre Bedürf­nis­se und Inter­es­sen in Berei­chen wie Wald­schutz, Schutz der bio­lo­gi­schen Viel­falt der Mee­re und Kli­ma­wan­del ver­tei­di­gen. Da die klas­si­sche CBD nie vie­le Ange­bo­te für das Groß­ka­pi­tal bereit­hielt, wur­de die CBD im Ver­gleich zu den unter­neh­mens­freund­li­che­ren Kli­ma-COPs als poli­ti­scher Son­der­weg behan­delt, was ihr sogar den Spitz­na­men „NGO-COP“ ein­brach­te. Die Zivil­ge­sell­schaft mit ihren Mora­to­ri­en und berech­tig­ten For­de­run­gen nach Gerech­tig­keit, Agrar­öko­lo­gie, wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Rech­ten und so wei­ter hat­te dort eine Stim­me.

CBD 4.0

In Cali fand jedoch eine ande­re Art von COP statt: eine neo­li­be­ra­le Öko-Han­dels­mes­se im Stil des Wirt­schafts­gip­fels von Davos, gemischt mit Nor­mie­rungs­aus­schüs­sen zur Erschlie­ßung neu­er Märk­te für bio­lo­gi­sche Viel­falt und High­tech-Spiel­zeug der nächs­ten Gene­ra­ti­on.

CBD 4.0 steht für einen neu­en Geist, der nicht erst auf dem vor­he­ri­gen ‚Welt­na­tur­gip­fel‘ in Mont­re­al 2022 mit sei­nem pro­mi­nen­ten Glo­bal Bio­di­ver­si­ty Frame­work (KMGBF) ent­stand, dort aber vol­le Fahrt auf­ge­nom­men hat.

Von die­sem Zeit­punkt an ent­deck­te eine neue, gewis­ser­ma­ßen gen­tri­fi­zie­ren­de Grup­pe jün­ge­rer, finan­zi­ell gut aus­ge­stat­te­ter „grü­ner“ Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, Finan­ziers und Phil­an­thro­pen die CBD, als zögen sie in ein her­un­ter­ge­kom­me­nes, aber gemüt­li­ches Stadt­vier­tel, das sie zuvor nicht bemerkt hat­ten. Sie for­mier­ten sich um eine Stra­te­gie zur Finan­zia­li­sie­rung der Arten­viel­falt. Die besteht aus „natur-posi­ti­ven“ Kom­pen­sa­ti­ons­maß­nah­men, 30×30-Zielen für Schutz­ge­bie­te, dem Erlass von Schul­den gegen­über der Natur und glit­zern­den neu­en digi­ta­len und geno­mi­schen Tech­no­lo­gien („inno­va­ti­ven Lösun­gen“, wie man­che sie lie­ber nen­nen).

Die CBD 4.0‑Agenda bringt will­kom­me­ne jun­ge Ener­gie mit sich, zieht aber auch Leu­te an, die sehr an Zah­len inter­es­siert sind – ins­be­son­de­re dar­an, wie viel Geld für die „Natur“ ver­spro­chen wird, die nun zu einer mess­ba­ren Grö­ße gewor­den ist so wie der „Koh­len­stoff“.

„Natur“ wird im Rah­men von CBD 4.0 in leuch­ten­den Far­ben auf NGO-Dis­plays mit Jagua­ren und indi­ge­nen Völ­kern prä­sen­tiert. Die Theo­rie der CBD 4.0-„Prediger“ ist, dass stei­gen­de Spen­den – und etwas, das als „ Ambi­ti­on“ zur Ret­tung der „Natur“ bezeich­net wird – uns auch der Ret­tung des „Kli­mas“ durch so genann­te „natur­ba­sier­te Lösun­gen“ näher brin­gen wer­den (haupt­säch­lich für die Ein­zäu­nung von Land), ein­schließ­lich von Gel­dern, die in einen neu­en Bio­di­ver­si­täts­fonds flie­ßen.

CBD 4.0‑Gläubige hof­fen auch, dass schon eine klei­ne Steu­er auf digi­ta­le Genom­se­quen­zen einen Geld­se­gen für „grü­nes Wachs­tum“ und die „Natur“ brin­gen wird. Auf dem Weg dort­hin ent­ste­hen neue lukra­ti­ve Märk­te und Tech-Start-ups für die Über­wa­chung der Arten­viel­falt, die Wie­der­her­stel­lung von Öko­sys­te­men und „natur­freund­li­che“ Tech­no­lo­gien, die von ener­gie­hung­ri­ger Künst­li­cher Intel­li­genz gesteu­ert wer­den, die bra­ven jun­gen Öko­sol­da­ten Arbeits­plät­ze bie­ten und Bio­di­ver­si­täts­fi­nan­zen für Unter­neh­men ermög­li­chen.

Die­ses neo­li­be­ra­le Völk­chen, von denen vie­le schon ein­mal von Bezos, Gates oder ähn­li­chen finan­ziert wur­den, ist gekom­men, um über den Trans­fer und Kapa­zi­täts­auf­bau für die Ent­wick­lung von Tech­no­lo­gien, über Zie­le und Finan­zie­rung zu spre­chen. Ihre Side-Events sind viel fröh­li­cher und beschwing­ter als die wüten­den Angrif­fe auf den Kapi­ta­lis­mus bei den klas­si­schen CBD-Teil­neh­mern.

Konflikte und Kontraste

Wie passt dazu nun die UN-Stra­te­gie in Bezug auf Bio­tech­no­lo­gie, Gen­tech­nik, syn­the­ti­sche Bio­lo­gie und neue Tech­no­lo­gien? Bei die­sen The­men wur­de auf der COP16 zumeist ein offe­ner Kampf zwi­schen der klas­si­schen CBD-Agen­da und dem neu­en CBD 4.0‑Ansatz aus­ge­tra­gen.

Da ist zunächst ein­mal das klas­si­sche Car­ta­ge­na-Pro­to­koll zur Bio­si­cher­heit. Mit sei­nem Fokus auf Vor­sor­ge, Risi­ko und Regu­lie­rung lässt es die Indus­trie und die Davos-ähn­li­che CBD 4.0- Sze­ne kalt. Am liebs­ten wür­de sie es von der Tages­ord­nung strei­chen. Ein zwi­schen den Kon­fe­ren­zen statt­fin­den­der Pro­zess zur Ent­wick­lung von Leit­li­ni­en für die Risi­ko­be­wer­tung von Gene Dri­ves (sich selbst aus­brei­ten­de gen­tech­nisch ver­än­der­te Orga­nis­men) wur­de erfolg­reich von Wis­sen­schaft­lern aus der Indus­trie geka­pert, die die ursprüng­li­chen Emp­feh­lun­gen zur bio­lo­gi­schen Sicher­heit in Rich­tung eines abge­speck­ten (weni­ger vor­sor­gen­den) Ver­fah­rens umfor­mu­lier­ten.

Die Natio­nen, die der Bio­tech- und Agrar­in­dus­trie beson­ders nahe­ste­hen (eine Grup­pe mit dem Akro­nym CANJAB – für Kana­da, Aus­tra­li­en, Neu­see­land, Japan, Argen­ti­ni­en und Bra­si­li­en – obwohl Groß­bri­tan­ni­en auch dabei ist), fei­er­ten die­se Schwä­chung der Vor­sor­ge auf der COP16 und setz­ten dann die Bestel­lung einer sehr beschränk­te Exper­ten­grup­pe durch, die mög­li­che Ideen und Vor­schlä­ge für wei­te­re Leit­li­ni­en vor­schla­gen und so die eigent­li­che Arbeit für wei­te­re zwei Jah­re ver­hin­dern soll­te. Eine frü­he­re Abma­chung, Leit­li­ni­en zur Risi­ko­be­wer­tung für die Frei­set­zung von gen­tech­nisch ver­än­der­ten Fischen in Auf­trag zu geben, wur­de auf Eis gelegt.

Zur glei­chen Zeit star­te­te das „Com­pli­ance Com­mit­tee“, der Aus­schuss zur Über­prü­fung der Ein­hal­tung des Car­ta­ge­na-Pro­to­kolls, einen Ver­such, die Ver­trags­par­tei­en zu der öffent­li­chen Fest­stel­lung zu bewe­gen, dass sämt­li­che gen­tech­nisch ver­än­der­ten Nutz­pflan­zen im Rah­men des Pro­to­kolls recht­lich als „leben­de ver­än­der­te Orga­nis­men“ („Living modi­fied orga­nisms“ im Car­ta­ge­na-Slang, ana­log zu GMOs) zu betrach­ten sind und nicht von der Regu­lie­rung aus­ge­nom­men wer­den soll­ten. CANJAB war dazu nicht bereit. weil ihnen die Dere­gu­lie­rung gen­tech­nisch ver­än­der­ter Pflan­zen, die in den ver­schie­de­nen Län­dern bereits unter­schied­lich fort­ge­schrit­ten ist, ein wich­ti­ges Anlie­gen ist. Statt­des­sen setz­ten sie einen Kom­pro­miss­text durch, der jede wei­te­re Dis­kus­si­on über die­sen unbe­que­men Punkt um wei­te­re zwei Jah­re hin­aus­zö­gert. Bis dahin könn­ten dann natio­na­le und regio­na­le Dere­gu­lie­rungs­plä­ne für Gen-Edi­tie­rung bereits umge­setzt sein.

DNA – Wem gehört sie und wer zahlt dafür?

Bei den bei­den ver­blei­ben­den gro­ßen „Biotech“-Themen auf der COP16 wur­de der Kampf zwi­schen dem klas­si­schen CBD-Ansatz und der neu­en CBD 4.0‑Agenda am deut­lichs­ten spür­bar.

Zum einen geht es um DSI (Digi­tal Sequence Infor­ma­ti­on) – also digi­ta­le Ver­sio­nen von DNA-Code, die zu Mil­lio­nen in Cloud-Daten­ban­ken gespei­chert sind und zum Trai­nie­ren kom­mer­zi­el­ler KI-Model­le ver­wen­det wer­den. Der klas­si­sche Ansatz der CBD zu die­sem The­ma hieß ABS (Access and Bene­fit Sha­ring). Er hat­te eini­ge Pro­ble­me, war aber zumin­dest in ers­ter Linie durch die Sor­ge um Bio­pi­ra­te­rie moti­viert. Das Nago­ya-Pro­to­koll sieht vor, dass Unter­neh­men, die gene­ti­sches Mate­ri­al (z. B. Saat­gut oder DNA) zur kom­mer­zi­el­len Nut­zung über die Gren­zen brin­gen, eine Ent­schä­di­gung an die ursprüng­li­chen Ver­wal­ter, sprich loka­le Gemein­den und deren Staa­ten zah­len müs­sen.

Seit jedoch Gene und Sequen­zen digi­ta­li­siert und per E‑Mail ver­sen­det wer­den, ist die­se Rege­lung über­holt – ein neu­er Mecha­nis­mus muss her. Hier kommt CBD 4.0 ins Spiel.

Anstatt sicher­zu­stel­len, dass digi­ta­le DNA-Sequen­zen nach­ver­folgt wer­den kön­nen, um die Ein­hal­tung des ABS zu gewähr­leis­ten, ist die neo­li­be­ra­le Ant­wort, einen gro­ßen (mög­lichst frei­wil­li­gen) mul­ti­la­te­ra­len Fonds ein­zu­rich­ten, an den die Nut­zer digi­ta­ler Sequen­zen wie Pharma‑, KI- und Bio­tech-Unter­neh­men ein paar Gro­schen spen­den kön­nen. Die­ser Fonds wird ent­we­der an indi­ge­ne Gemein­schaf­ten gehen oder in irgend­ei­ner Misch­form den „Geld für Natur“- Bud­get­li­ni­en zuge­schla­gen wer­den, die die CBD 4.0‑Gemeinde so wich­tig sind. Das Geld könn­te auf die­se Wei­se als „nicht-mone­tä­rer Nut­zen“ sogar in Tech­no­lo­gie­trans­fer oder Bio­tech­no­lo­gie-Trai­ning flie­ßen.

In Cali saßen Hun­der­te von Dele­gier­ten jeden Tag stun­den­lang – manch­mal sogar Tag und Nacht – zusam­men, um die Details die­ses neu­en mul­ti­la­te­ra­len Fonds und Mecha­nis­mus aus­zu­han­deln. Alle schie­nen beseelt von der Vor­stel­lung, dass in die­sem Fonds tat­säch­lich ein wenig Geld zu fin­den sein wür­de. In die­ser Auf­re­gung ent­fern­ten sich die Ver­hand­lun­gen immer wei­ter von Fra­gen der Gerech­tig­keit, des Zugangs und des Vor­teils­aus­gleichs. Alles kon­zen­trier­te sich statt­des­sen auf die Fra­ge, wer es ver­mei­den kann, in den Fonds ein­zu­zah­len, und wer sich in die Schlan­ge stel­len kann, um Geld aus ihm zu erhal­ten.

Den Horizont absuchen, ohne ihn zu sehen

Am Schärfs­ten war der Streit beim Tages­ord­nungs­punkt „Syn­the­ti­sche Bio­lo­gie“.

In der CBD bezeich­net „syn­the­ti­sche Bio­lo­gie“ alle neu­en Ent­wick­lun­gen in der Gen­tech­nik – wie etwa syn­the­ti­sche Orga­nis­men, Gen-Editing, Gene Dri­ves, RNAI-Sprays und mehr. Syn­the­ti­sche Bio­lo­gie (oder Syn­bio) ist seit 15 Jah­ren ein klas­si­sches CBD-The­ma, bei dem es um Vor­sor­ge, Regu­lie­rung und Auf­sicht geht. In all den Jah­ren argu­men­tier­te die Indus­trie, Syn­bio erfül­le gar nicht die tech­ni­schen Kri­te­ri­en für ein „neu­es und auf­kom­men­des The­ma“ (tut sie aber).

Bei der COP15 in Mont­re­al 2022 führ­ten die Ver­trags­par­tei­en ein bahn­bre­chen­des Ver­fah­ren zur Früh­erken­nung, Beob­ach­tung und Bewer­tung der jüngs­ten tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lun­gen ein, mit dem neue Her­aus­for­de­run­gen und Bedro­hun­gen früh­zei­tig ermit­telt und für eine Bewer­tung und poli­ti­sche Maß­nah­men erschlos­sen wer­den sol­len.

Die­ser Pro­zess war eine neu­ar­ti­ge Kon­kre­ti­sie­rung des Vor­sor­ge­prin­zips, und die Indus­trie wehr­te sich mit Hän­den und Füßen gegen sei­ne Ein­füh­rung (und ver­lor). Danach arbei­te­te eine mul­ti­dis­zi­pli­nä­re Exper­ten­grup­pe zwei Jah­re lang uner­müd­lich an der detail­lier­ten Aus­ge­stal­tung des Pro­zes­ses und führ­te dann eine ers­te Run­de der Früh­erken­nung und ‑bewer­tung durch. Dabei kam sie zu dem Schluss, dass die CBD fünf Berei­che genau­er unter die Lupe neh­men müs­se, dar­un­ter Gene Dri­ves, künst­li­che Intel­li­genz und sich selbst ver­brei­ten­de vira­le Impf­stof­fe für Wild­tie­re.

Anstatt die­se Emp­feh­lun­gen umzu­set­zen, beschimpf­ten und ver­un­glimpf­ten CANJAB und das Ver­ei­nig­te König­reich die Arbeit die­ser Exper­ten­grup­pe und erzwan­gen in den Ver­hand­lun­gen einen Schwenk zur CBD 4.0‑Agenda.

Durch die Ein­füh­rung eines „the­ma­ti­schen Akti­ons­plans“ für Kapa­zi­täts­auf­bau und Tech­no­lo­gie­trans­fer schnür­ten CANJAB und Groß­bri­tan­ni­en statt­des­sen ein Paket zur För­de­rung der syn­the­ti­schen Bio­lo­gie, in dem die Bio­tech­no­lo­gie als Quel­le glän­zen­der „inno­va­ti­ver Lösun­gen“ (Tech­no­fi­xes) prä­sen­tiert wird, die den Zie­len des Glo­ba­len Bio­di­ver­si­täts­rah­mens von 2022 (KMGBF) die­nen und somit för­der­fä­hig wären.

Bei den neu­en Finan­zie­rungs­töp­fen der DSI und des Glo­ba­len Bio­di­ver­si­täts-Rah­men­fonds, die im Zuge der Umset­zung des KMGBF ein­ge­rich­tet wur­den – brach­te die CAN­JAB-Grup­pe die Regie­run­gen Afri­kas und ande­rer Län­der des Südens auf ihre Sei­te, indem sie all­ge­mein Gel­der für den Kapa­zi­täts­auf­bau und den mög­li­chen Trans­fer neu­er Syn­bio-Tech­no­lo­gien in ihre Volks­wirt­schaf­ten ver­sprach.

Das Ver­fah­ren zur Früh­erken­nung, Beob­ach­tung und Bewer­tung neu­er tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lun­gen stand unter­des­sen auf der Kip­pe. Die CAN­JAB-Ver­hand­lungs­füh­rer dräng­ten gar auf sei­ne for­mel­le „Abschaf­fung“, ein bis dahin unbe­kann­ter Schritt.

Glück­li­cher­wei­se bestan­den Euro­pa und eini­ge afri­ka­ni­sche und mit­tel­ame­ri­ka­ni­sche Län­der (z.B. Ägyp­ten, Gua­te­ma­la) dar­auf, Res­te der klas­si­schen CBD-Agen­da der Vor­sor­ge und Über­wa­chung zu schüt­zen.

Als Kom­pro­miss wird nun eine wei­te­re, tech­nik­zen­trier­te Exper­ten­grup­pe ein­be­ru­fen, um erneut den Hori­zont abzu­su­chen und Emp­feh­lun­gen für die Bewer­tung neu­er tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lun­gen abzu­ge­ben. Auch wenn der Pro­zess geret­tet wur­de – und wahr­schein­lich nütz­li­ches Wis­sen gene­rie­ren wird – soll­te man sich kei­nen Illu­sio­nen hin­ge­ben. CANJAB und das Ver­ei­nig­te König­reich wer­den von nun an alle zwei Jah­re ech­te Ent­schei­dun­gen oder Bewer­tun­gen blo­ckie­ren, wäh­rend sie gleich­zei­tig das För­der­pa­ket für die Syn­bio-Indus­trie erwei­tern. Das wird zuneh­mend mit den grö­ße­ren wirt­schaft­li­chen Strö­mun­gen har­mo­nie­ren, die sich in der „blau­en Zone“ abzeich­nen.

Süßes oder Saures?

Die Ver­hand­lun­gen waren span­nend, doch was wirk­lich ins Auge stach, waren die spe­ku­la­ti­ven Tech­no­lo­gien und radi­ka­len Finan­zia­li­sie­rungs­mo­del­le, die bei den Begleit­ver­an­stal­tun­gen und an den Aus­stel­lungs­stän­den zu sehen waren. In einer pom­pö­sen Prä­sen­ta­ti­on von XPRIZE Rain­fo­rest (einem mit 10 Mil­lio­nen Dol­lar dotier­ten Fünf­jah­res­wett­be­werb “zur Ver­bes­se­rung des Ver­ständ­nis­ses der Öko­sys­te­me des Regen­wal­des“) bei­spiels­wei­se wur­den Macho-For­scher­teams mit einem Schwarm von Droh­nen, Robo­tern, geno­mi­schen Son­den, akus­ti­schen Sen­so­ren und Gesichts­er­ken­nungs­ka­me­ras vor­ge­stellt, die eine umfas­sen­de Echt­zeit-KI-Kon­trol­le und Über­wa­chung indi­ge­ner Gebie­te durch­füh­ren, um neue Bio­di­ver­si­täts­kre­di­te für die Finanz­märk­te zu sichern.

Die Ent­wick­ler von Gene Dri­ves war­ben für mani­pu­lier­te Rat­ten und Mücken  als neue Anwen­dun­gen in ihrer expan­si­ven Gen­tech-Biblio­thek. Pri­vat­un­ter­neh­men boten an, Gemein­den dafür zu bezah­len, dass sie kon­ti­nu­ier­lich Boden‑, Was­ser- und Luft­pro­ben für geno­mi­sche Sequen­zie­run­gen sam­meln, um ihre „gene­ra­ti­ven Biologie“-Plattformen zu füt­tern, mit deren Hil­fe sie neu­ar­ti­ge, KI-gene­rier­te Pro­te­ine an Proc­tor & Gam­ble ver­kau­fen wol­len.

Wäh­rend Hal­lo­ween näher rück­te, bot eine schau­ri­ge Para­de von mit „Natur“-Masken ver­klei­de­ten Tech-Brü­dern, Start-ups, Ban­ken und Han­dels­kon­zer­nen die Wie­der­her­stel­lung von Öko­sys­te­men, Kom­pen­sa­ti­ons­zah­lun­gen für bio­lo­gi­sche Viel­falt, e‑DNA und mehr feil, wäh­rend ver­wirr­te natio­na­le Dele­gier­te sich tief auf dem unbe­kann­tem tech­no-uto­pi­schem Gelän­de ver­irr­ten.

Glück­li­cher­wei­se hat­ten zumin­dest eini­ge, unter Beschwö­rung der alten Geis­ter der klas­si­schen CBD, noch den Wil­len und die Fähig­keit zu fra­gen, ob die­se schi­cken neu­en Hal­lo­ween-Süßig­kei­ten, die da ange­bo­ten wur­den, nicht in Wirk­lich­keit doch eher aus dem Topf für Sau­res stam­men.

Jim Tho­mas ist Akti­vist, Autor, For­scher und Stra­te­ge, der neue Trends, auf­kom­men­de Zukunfts­sze­na­ri­en und inter­es­san­te Ent­wick­lun­gen am poli­ti­schen Hori­zont in den Berei­chen Tech­no­lo­gie, bio­lo­gi­sche Viel­falt, Lebens­mit­tel und Gerech­tig­keit ver­folgt. Er war im Auf­trag von „Save Our Seeds“ an den Ver­hand­lun­gen in Cali und deren Vor­be­rei­tung betei­ligt. Der Ori­gi­nal­ar­ti­kel erschien unter dem Titel „ A Tale of Two CBDs – Trick or Tre­at at COP16” in A big­ger Con­ver­sa­ti­on Besu­chen Sie sei­nen Blog Scan the Hori­zon für wei­te­re Ana­ly­sen und Links zum The­ma.

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