Gentechnik-Deregulierung: Europäisches Parlament verabschiedet neues Gesetz

Das Euro­päi­sche Par­la­ment hat heu­te das Ergeb­nis der Tri­log-Ver­hand­lun­gen über die weit­rei­chen­de Dere­gu­lie­rung von Pflan­zen aus neu­er Gen­tech­nik (NGT) ver­ab­schie­det. Nach dem neu­en Gesetz wer­den vie­le Pflan­zen, die mit­hil­fe neu­er Ver­fah­ren wie CRISPR/Cas ent­wi­ckelt wur­den, nicht mehr unter das EU-Gen­tech­nik­recht fal­len. Anfor­de­run­gen an Umwelt-Risi­ko­be­wer­tung, Rück­ver­folg­bar­keit und Kenn­zeich­nung für Ver­brau­cher ent­fal­len.

Mehr als 40 Ände­rungs­an­trä­ge wur­den vor der Ple­nar­ab­stim­mung ein­ge­bracht, doch kei­ner wur­de von einer Mehr­heit der Abge­ord­ne­ten unter­stützt. Damit bil­lig­ten die Abge­ord­ne­ten die Ver­ein­ba­rung, die im Dezem­ber zwi­schen den Ver­hand­lungs­füh­rern von Par­la­ment, Rat und Kom­mis­si­on erzielt wor­den war.

Das vor­ge­schla­ge­ne Gesetz wird nun im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on ver­öf­fent­licht und nach einer zwei­jäh­ri­gen Über­gangs­frist ange­wen­det. Vie­le recht­li­che und tech­ni­sche Fra­gen sind jedoch noch unge­klärt, dar­un­ter der Schutz des Öko­land­baus und der gen­tech­nik­frei­en Pro­duk­ti­on. Zudem könn­te das neue Gesetz vor Gericht ange­foch­ten wer­den, da es wohl weder mit dem Vor­sor­ge­prin­zip noch mit den inter­na­tio­na­len Ver­pflich­tun­gen der EU ver­ein­bar ist.

Save Our Seeds-Team in Straßburg

Im Vor­feld der Ple­nar­ab­stim­mung war unser Team zwei Tage lang vor Ort in Straß­burg. Wir waren bei der Abstim­mung im Umwelt­aus­schuss dabei und nah­men gemein­sam mit Land­wir­ten, Züch­tern, Imkern, Umwelt­or­ga­ni­sa­tio­nen und Ver­brau­cher­ver­bän­den an einer Pro­test­ak­ti­on vor dem Par­la­ment teil.

Die Sit­zung des Umwelt­aus­schus­ses am Mon­tag deu­te­te bereits dar­auf hin, in wel­che Rich­tung die Debat­te gehen wür­de. Unter den wach­sa­men Augen zahl­rei­cher Lob­by­is­ten aus der Agrar- und Bio­tech-Bran­che beschlos­sen die Abge­ord­ne­ten in einer Ver­fah­rens­ab­stim­mung, die 37 Anfang Mai vor­ge­leg­ten Ände­rungs­an­trä­ge zu igno­rie­ren und die Tri­log-Ver­ein­ba­rung mit 58 zu 31 Stim­men zu bil­li­gen. Zahl­rei­che Aus­schuss­mit­glie­der waren durch ande­re Abge­ord­ne­te ersetzt wor­den, um Kon­flik­te inner­halb der gro­ßen poli­ti­schen Frak­tio­nen zu ver­schlei­ern.

Am Diens­tag demons­trier­ten wir gemein­sam mit etwa 200 Land­wir­ten, Imkern, Züch­tern sowie Ver­tre­tern von Umwelt- und Ver­brau­cher­or­ga­ni­sa­tio­nen vor dem Par­la­ment gegen die geplan­te Dere­gu­lie­rung. Unser Team über­gab die For­de­run­gen von mehr als 600.000 Bür­ge­rin­nen und Bür­gern aus ganz Euro­pa: Gen­tech­nik-Kenn­zeich­nung bei­be­hal­ten und Paten­te auf Saat­gut stop­pen!

Druck auf die Abgeordneten

Im Vor­feld der Abstim­mung warn­ten deut­sche Bau­ern­ver­bän­de – dar­un­ter AbL und DBV – davor, dass der Vor­schlag eine Wel­le von Paten­ten auf Saat­gut und Pflan­zen­sor­ten aus­lö­sen könn­te. Ihre Appel­le an die Abge­ord­ne­ten, Ände­rungs­an­trä­ge zu unter­stüt­zen, die auf eine Lösung der Patent­pro­ble­ma­tik abziel­ten, wur­den weit­ge­hend igno­riert.

Mehr als 200.000 Bür­ge­rin­nen und Bür­ger hat­ten den Abge­ord­ne­ten E‑Mails geschickt, um Ände­run­gen ein­zu­for­dern, ins­be­son­de­re die Bei­be­hal­tung einer wahr­heits­ge­mä­ßen Kenn­zeich­nung von Lebens­mit­teln. Vie­le wand­ten sich auch tele­fo­nisch an die Abge­ord­ne­ten und appel­lier­ten an sie, für die­se Ände­rungs­an­trä­ge zu stim­men. Den­noch ent­schied sich die Mehr­heit der Abge­ord­ne­ten, die vor­ge­schla­ge­nen Ände­run­gen nicht zu unter­stüt­zen und den schlech­ten Tri­log-Kom­pro­miss durch­zu­win­ken. Der Minis­ter­rat hat­te die Ver­ein­ba­rung bereits im April for­mal ange­nom­men.

Befür­wor­ter des neu­en Geset­zes argu­men­tie­ren, dass die neue Gen­tech­nik benö­tigt wer­de, um unter ande­rem dür­re­to­le­ran­te Pflan­zen­sor­ten zu ent­wi­ckeln, die Land­wir­ten bei der Anpas­sung an den Kli­ma­wan­del hel­fen kön­nen. Eine von Euro­seeds ange­führ­te Bran­chen­ko­ali­ti­on bezeich­ne­te die Ent­schei­dung als einen „wich­ti­gen Mei­len­stein“ zu einem Zeit­punkt, an dem der „Zugang zu leis­tungs­fä­hi­ge­ren Pflan­zen­sor­ten“ ent­schei­dend sei, „um Ernäh­rungs­si­cher­heit, Nach­hal­tig­keit und Wett­be­werbs­fä­hig­keit zu gewähr­leis­ten“. Ein kürz­lich ver­öf­fent­lich­ter Bericht der Euro­pean Non-GMO Asso­cia­ti­on (ENGA) deu­tet jedoch dar­auf hin, dass sol­che Pflan­zen selbst in Län­dern mit nur mini­ma­len Gen­tech­nik-Auf­la­gen wei­ter­hin auf sich war­ten las­sen.

Ein trauriger Tag für Demokratie und Wissenschaft

Die heu­ti­ge Ent­schei­dung mar­kiert einen wahr­haft trau­ri­gen Tag für Demo­kra­tie und Wis­sen­schaft. Doch der Erfolg der Indus­trie­lob­by wird die Beden­ken euro­päi­scher Verbraucher:innen und Landwirt:innen gegen­über der Gen­tech­nik in Lebens­mit­teln und der Land­wirt­schaft kei­nes­wegs aus­räu­men.

Bene­dikt Haer­lin, Koor­di­na­tor bei Save Our Seeds: „Was durch die heu­ti­ge Abstim­mung an unge­kenn­zeich­ne­ter und nicht mehr sicher­heits­ge­prüf­ter Ver­mark­tung von Gen­tech­nik­pflan­zen recht­lich mög­lich wird, hat sich bei Landwirt:innen und Verbraucher:innen des­halb ja noch lan­ge nicht ver­kauft. Die heu­ti­ge Igno­ranz gegen­über den Wün­schen und Beden­ken der gro­ßen Mehr­heit der Bevöl­ke­rung könn­te sich des­halb ein­mal mehr als ent­schei­den­der Feh­ler ent­pup­pen.“

Hier kön­nen Sie nach­se­hen, wel­che Abge­ord­ne­ten die Ände­rungs­an­trä­ge zur Ein­füh­rung einer Kenn­zeich­nung für Ver­brau­cher und zur Ein­schrän­kung von Paten­ten unter­stützt haben.

Wei­te­re Reak­tio­nen auf die Abstim­mung:

BÖLW: „Bio arbei­tet wei­ter mit der Natur“

AbL: Ver­ant­wor­tungs­lo­se Ent­schei­dung – Recht­li­cher und poli­ti­scher Wider­stand und Selbst­hil­fe ste­hen an

BUND: Euro­pa­par­la­ment lässt Umwelt, Land­wirt­schaft und Verbraucher*innen im Stich

VLOG: Sicher „Ohne Gen­tech­nik“ künf­tig nur noch mit Sie­gel

VZBV: Ver­brau­cher­zen­tra­le kri­ti­siert gestri­che­ne Kenn­zeich­nung

Mehr dazu beim Infor­ma­ti­ons­dienst Gen­tech­nik

Foto © Anne­ma­rie Voll­ing (AbL) — Save Our Seeds Team, Fran­zis­ka Ach­ter­berg und Ali­na Ban­se vor dem Euro­päi­schen Par­la­ment.

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