Ein trauriger Tag für Demokratie und Wissenschaft 

Bevor das Euro­päi­sche Par­la­ment heu­te über die Dere­gu­lie­rung neu­er gen­tech­nisch ver­än­der­ter Pflan­zen abstimm­te, war unser Team zwei Tage lang in Straß­burg vor Ort.

Bereits die Sit­zung des Umwelt­aus­schus­ses (ENVI) am Mon­tag ließ erah­nen, in wel­che Rich­tung sich die Debat­te ent­wi­ckeln wür­de. Unter den Augen zahl­rei­cher Lobbyvertreter:innen der Agrar- und Bio­tech­in­dus­trie wur­de ein Kom­pro­miss durch­ge­wun­ken, der Trans­pa­renz abbaut, Schutz­stan­dards schwächt und den Ein­fluss von Paten­ten auf Saat­gut wei­ter ver­grö­ßert.

Zahl­rei­che Aus­schuss­mit­glie­der wur­den kurz­fris­tig durch Stellvertreter:innen ersetzt, über zen­tra­le Ände­rungs­an­trä­ge wur­de nicht ein­zeln abge­stimmt. Statt einer offe­nen poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung ent­stand der Ein­druck eines Ver­fah­rens, das vor allem dar­auf aus­ge­rich­tet war, Kon­flik­te inner­halb der gro­ßen Frak­tio­nen unsicht­bar zu machen.

Am Diens­tag demons­trier­ten wir vor dem Par­la­ment gemein­sam mit 200 Landwirt:innen, Imker:innen Züchter:innen, Umwelt­or­ga­ni­sa­tio­nen und Ver­brau­cher­ver­tre­tun­gen gegen die geplan­te Dere­gu­lie­rung. Unser Team über­brach­te die For­de­run­gen von mehr als 600.000 Bürger:innen aus ganz Euro­pa: Kenn­zeich­nung erhal­ten, Trans­pa­renz sichern und Paten­te auf Saat­gut begren­zen!

Trotz die­ser War­nun­gen und trotz anhal­tend hoher Zustim­mung in der Bevöl­ke­rung für Kenn­zeich­nung und Sicher­heits­prü­fung neu­er Gen­tech­nik hat das Euro­päi­sche Par­la­ment heu­te für eine weit­rei­chen­de Dere­gu­lie­rung gestimmt.

Kommentar von Benedikt Haerlin, Koordinator Save Our Seeds  

Nach der heu­ti­gen Abstim­mung im Euro­päi­schen Par­la­ment wird es nach einer Über­gangs­frist von zwei Jah­ren für die meis­ten gen­tech­nisch ver­än­der­ten Pflan­zen kei­ne spe­zi­fi­sche Sicher­heits­prü­fung, kei­ne Kenn­zeich­nung in Lebens- und Fut­ter­mit­teln und kei­ne Rück­ver­folg­bar­keit in der Umwelt mehr geben. Exklu­si­ve Paten­te kön­nen das Sor­ten­recht und sei­ne Open-Source-Regeln in Bezug auf die freie Nut­zung für die wei­te­re Züch­tung Stück für Stück ver­drän­gen. 

Die letz­ten Erfol­ge der Gen­tech­nik-Lob­by bei der EU 1996 und 2008 sind letzt­lich als Mei­len­stei­ne der öffent­li­chen Ableh­nung von Gen­tech­nik auf dem Acker und im Essen in die Geschich­te ein­ge­gan­gen. Dar­an wer­den wir auch dies­mal arbei­ten. Was durch die heu­ti­ge Abstim­mung an unge­kenn­zeich­ne­ter und nicht mehr sicher­heits­ge­prüf­ter Ver­mark­tung von Gen­tech­nik­pflan­zen recht­lich mög­lich wird, hat sich bei Landwirt:innen und Verbraucher:innen des­halb ja noch lan­ge nicht ver­kauft.  

Über 90% der Bevöl­ke­rung wol­len nach wie vor, dass auch neue Gen­tech­nik gekenn­zeich­net und sicher­heits­ge­prüft wird. Die heu­ti­ge Igno­ranz gegen­über Wün­schen und Beden­ken der gro­ßen Mehr­heit der Bevöl­ke­rung könn­te sich des­halb ein­mal mehr als ent­schei­den­der Feh­ler ent­pup­pen. Save Our Seeds und vie­le ande­re wer­den jeden­falls Landwirt:innen und Verbraucher:innen, ein­schließ­lich des Ein­zel­han­dels, wei­ter­hin dar­über infor­mie­ren, in wel­chen Pro­duk­ten Gen­tech­nik steckt. Heim­lich­tue­rei war noch nie eine erfolg­rei­che Über­zeu­gungs­stra­te­gie. Die Gen­tech-Brot­hers von Bay­er, BASF, Chem­chi­na-Syn­gen­ta und Cort­eva haben des­halb die eigent­li­che Hür­de für die Ver­mark­tung ihrer neu­en, patent­ge­schütz­ten Gen­tech­nik­sor­ten noch vor sich. 

Den­noch ist der Dere­gu­lie­rungs­pro­zess, der heu­te beschlos­sen wur­de, eine Bank­rott­erklä­rung der auf­ge­klär­ten, demo­kra­ti­schen Tech­no­lo­gie-Dis­kus­si­on in Euro­pa. Er stellt die Inte­gri­tät füh­ren­der Wis­sen­schafts­in­sti­tu­tio­nen, die sich mit aber­wit­zi­gen Argu­men­ten dafür stark gemacht haben, eben­so in Fra­ge wie die Moral von Politiker:innen fast aller Frak­tio­nen des Euro­päi­schen Par­la­ments. Statt ehr­lich den Stand des Wis­sens und Nicht­wis­sens und auch ihre Zwei­fel zu ver­mit­teln, haben sie sich dafür ent­schie­den, mit seman­tisch durch­ge­styl­ten Nar­ra­ti­ven unge­deck­te Schecks auf mög­li­che künf­ti­ge Inno­va­tio­nen aus­zu­stel­len. Mit wis­sen­schaft­lich nicht begründ­ba­ren Taschen­spie­ler­tricks wur­de eine Unter­schei­dung zwi­schen angeb­lich „natür­li­chen“ und weni­ger natür­li­chen Gen­tech­nik­pro­duk­ten durch­ge­boxt, die über deren jewei­li­ge Risi­ken kei­ner­lei ver­läss­li­che Aus­sa­ge macht.  

Das bered­te Schwei­gen zur eigent­li­chen Absicht der inter­na­tio­na­len Gen­tech­nik-Kon­zer­ne, künf­ti­ge Pflan­zen­züch­tung unter ihre Patent­herr­schaft zu brin­gen, steht öffent­lich bezahl­ter Wis­sen­schaft, die davon frei­lich auch pro­fi­tiert, genau­so schlecht zu Gesicht wie Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­kern, die auf dem Altar ver­meint­lich heils­brin­gen­der Inno­va­tio­nen das geis­ti­ge Eigen­tum an Saat­gut pri­va­ti­sie­ren, die Wahl­frei­heit der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger unter­bin­den und den Schutz von Gesund­heit und Umwelt mut­wil­lig ein­schrän­ken. 

Wahrheit unter Druck

Die­ses Ver­sa­gen des demo­kra­ti­schen Tech­no­lo­gie-Dis­kur­ses beschä­digt die Glaub­wür­dig­keit der orga­ni­sier­ten Wis­sen­schaft und das ohne­hin begrenz­te Ver­trau­en in die Inte­gri­tät der Poli­tik. Die Mehr­heit, die dafür heu­te im Euro­päi­schen Par­la­ment stimm­te, wäre übri­gens ohne die Unter­stüt­zung der extre­men Rech­ten nicht zustan­de gekom­men. 

Die­se Ent­schei­dung ist in Zei­ten sei­ner äußers­ten Bedro­hung aber auch ein Angriff auf einen gesell­schaft­lich ver­bind­li­chen Wahr­heits­be­griff: Wenn seman­ti­sche Ver­ren­kun­gen wie „neue geno­mi­sche Tech­ni­ken“ statt Gen­tech­nik zur Grund­la­ge des Umgangs mit deren Risi­ken und dem Selbst­be­stim­mungs­recht von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern wer­den und kei­ne angst­freie wis­sen­schaft­li­che Dis­kus­si­on mehr mög­lich ist, hat Euro­pas Demo­kra­tie eine wich­ti­ge Grund­la­ge für künf­ti­ge Ent­schei­dun­gen ver­lo­ren.  

Next stop: Gentech-Viren und Bakterien

Die wer­den lei­der wohl noch in die­sem Jahr anste­hen, wenn über eine sehr viel wei­ter gehen­de und für Wahl­frei­heit, Umwelt und Gesund­heit weit­aus gefähr­li­che­re Demon­ta­ge des Gen­tech­nik-Geset­zes ent­schie­den wird. Denn die EU-Kom­mis­si­on hat längst nach­ge­legt und Rat und Par­la­ment ver­han­deln der­zeit über ihren Vor­schlag für eine mas­si­ve Erleich­te­rung der Frei­set­zung gen­tech­nisch ver­än­der­ter Mikro­or­ga­nis­men (von Bak­te­ri­en über Pil­ze bis zu Viren) in die Umwelt!  

Pho­to ©Anne­ma­rie Voll­ing (AbL) — Save Our Seeds Team, Fran­zis­ka Ach­ter­berg and Ali­na Ban­se in front of the Euro­pean Par­lia­ment

Mehr Informationen: 

Infor­ma­ti­ons­dienst Gen­tech­nik: EU-Par­la­ment weicht Regeln für neue Gen­tech­nik auf

BUND: Neue Gen­tech­nik: Euro­pa­par­la­ment lässt Umwelt, Land­wirt­schaft und Verbraucher*innen im Stich

BÖLW: NGT-Gen­tech­nik-Ver­ord­nung: „Bio arbei­tet wei­ter mit der Natur“ 

GeN: EU Par­la­ment stimmt für Dere­gu­lie­rung der neu­en Gen­tech­nik

VLOG: Neue EU-Regeln: Sicher „Ohne Gen­tech­nik“ künf­tig nur noch mit Sie­gel

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